Den ersten Parteitag vor den Staatsduma-Wahlen nach Bekanntgabe des offiziellen Starts der Wahlkampagne führt die KPRF durch. Am 20. Juni kommen die Delegierten im Erholungskomplex „Snegiri“ (deutsch: „Gimpel“) im Moskauer Verwaltungsgebiet zusammen. Die Veranstaltung startet um 8 Uhr morgens, aber ganz und gar nicht, damit mehr Zeit für die Erörterung von Personalien bleibt. Die meisten Kandidaturen der Parteiliste sind vorab abgestimmt worden. Streits um einzelne Personen sind nur hinsichtlich einer Reihe von in den Wahlbezirken nominierten möglich. Die Hauptintrige des Parteitages besteht darin, wie viele Teilnehmer des Programms „Kandidat das Volkes“ in der offiziellen Parteiliste bleiben werden. Anders gesagt: Wird es den Linken gelingen, die Ergebnisse der Vorauswahl ihrer stärksten Direktwahlkandidaten zu bewahren?
Der KPRF-Parteitag im Freizeit- und Erholungskomplex der Administration des Präsidenten – dies ist einerseits eine Tradition, andererseits aber augenscheinlich eine weitere Erinnerung daran, wer die endgültigen Szenarios für die Wahlen gestaltet. Die Kommunistische Partei führt im Übrigen am 20. Juni die zweite Etappe ihres XIX. Parteitages durch. Folglich haben sich die Delegierten nicht geändert, und ergo kann das ZK ohne Probleme die politisch notwendigen Vorwahlentscheidungen realisieren.
Es ist verständlich, dass gemäß der kommunistischen Tradition die Antwort auf jegliche der Personalfragen ein und dieselbe sein wird: Alles wird der Parteitag entscheiden. Bis zum Wochenende tauchten jedoch in den Medien zuerst Überlegungen und später bereits scheinbar auch durchgesickerte Informationen über die bevorstehende Aufteilung der Kandidaten auf. Es sei daran erinnert, dass laut dem Gesetz jede Partei das Recht hat, in der Kandidatenliste für einen gemeinsamen Wahlbezirk einen gesamtföderalen Teil mit bis zu 15 Kandidaten zu formieren. Die erste Troika der Parteiliste wird aber traditionell auf allen offiziellen Wahlplakaten dargestellt, die in den Wahllokalen angebracht werden. Daher werden die ersten drei Listenplätze als die Hauptintrige eines jeglichen Parteitages angesehen.
Hinsichtlich der Linken tauchte die Nachricht auf, dass der erste Kandidat natürlich KPRF-Chef Gennadij Sjuganow (wird am 26. Juni 82 Jahre alt) sein wird. Ja, und hinter ihm aber werden in der Liste angeblich das Oberhaupt der russischen Teilrepublik Chakassien Valentin Konowalow (38 Jahre) als ein Beispiel für einen erfolgreichen Gouverneur aus der Partei – und der 1. stellvertretende Vorsitzende des ZK Jurij Afonin (49 Jahre) – ein realer Manager der Wahlkampfkampagne der Partei. Es sei angemerkt, dass bei den Staatsduma-Wahlen von 2021 neben Sjuganow die sowjetische Kosmonautin Swetlana Sawizkaja und der russische „rote Direktor“ Pawel Grudinin angetreten waren. Jetzt hat sich der Chef des „Lenin-Sowchos“ von der ihn fast ruinierenden Politik entfernt, die 77jährige Staatsduma-Abgeordnete Sawizkaja will aber möglicherweise ganz und gar nicht für die nächste Legislaturperiode kandidieren.
Es ist jedoch durchaus möglich, dass sie um eine Position oder mehrere in eben jenem gesamtföderalen Teil der Parteiliste verschoben wird. Die Sache ist die, dass die KPRF stets diese 15 Plätze mit jenen besetzt, die garantiert zu Abgeordneten gewählt werden. Die anderen Parteien spielen auf die eine oder andere Art mit der Anzahl der zu präsentierenden Spitzenkandidaten. Aber gerade bei den Kommunisten besteht eine strenge Tradition. Daher ist es in der Realität nicht so wichtig, wer auf welchem Platz steht. Dies hat lediglich für die regionalen Untergruppen der Parteiliste Bedeutung.
In den letzten zwei Wochen erregte die Aufmerksamkeit vieler Medien beispielsweise die Aktivität des Irkutsker Gebietskomitees der KPRF, das angeblich entgegen der föderalen Führung den radikalen Kommunisten Valerij Raschkin (71 Jahre) für einen Abgeordnetensitz vorschlägt. Der 1. Sekretär des Gebietskomitees Sergej Lewtschenko tue dies ohne eine Abstimmung mit dem ZK, aber auch in einem offenen Widerspruch zu den Wünschen der Kuratoren für die Innenpolitik aus der Administration des russischen Präsidenten. Allerdings, schaut man sich den Platz an, der Raschkin eingeräumt wird – Nummer 4 und nach den Spitzenvertretern der Kommunisten von Irkutsk, Jakutien und Magadan, von denen kein einziger parallel in den Direktwahlbezirken ins Rennen gehen wird, wird klar, dass seine Chancen, Abgeordneter zu werden, nicht die größten sind. Im Jahr 2021 hatte beispielsweise diese regionale Gruppe keine besonderen Wahlerfolge demonstriert.
Dabei waren die Informationsaktivitäten – und offenkundig negativer Art – um die Perspektiven Raschkins nicht an und für sich wichtig, sondern im Kontext der Frage danach, ob die KPRF ihre Kandidaten mit den zuständigen Instanzen abgestimmt hat oder nicht. Es sei daran erinnert, dass in diesem Jahr die Linken erstmals beschlossen haben, Partei-Vorwahlen durchzuführen. Sie haben aber bei diesen lediglich Anwärter für die 225 Direktwahlmandate der Staatsduma vorgestellt. Dies hatte den Namen „Volkskandidat der KPRF“ erhalten. Die Teilnehmer dieses Programms sammelten Stimmen und Wähleraufträge. Im Endergebnis wurden zu den durchaus erwarteten Favoriten der Vorauswahl entweder amtierende Abgeordnete mit einem Direktwahlmandat – in den Medien aktive und recht radikal eingestellt – oder kommunistische Vertreter der Kategorie „Helden der militärischen Sonderoperation“. Während man aber die zweiten sicherlich als bedingt abgestimmte Teilnehmer der Wahlen ansehen kann, so scheint dies für die ersten nicht der Fall zu sein. Auf jeden Fall sind gegen mehrere der Spitzenreiter des Programms „Volkskandidat der KPRF“ durch die Kremlpartei „Einiges Russlands“ bereits ihre Veteranen der militärischen Sonderoperation als Kandidaten aufgestellt worden.
Daher wird zur Hauptintrige des Parteitages vor den Toren Moskaus das Begreifen dessen, inwieweit die KPRF gesundet ist – natürlich aus der Sicht der Administration des Präsidenten. Das heißt: Wird die Partei Sjuganows zustimmen, sich nicht auf eine frontale Konfrontation mit der regierenden Partei einzulassen, die ja die Anweisung des Präsidenten der Russischen Föderation zur Erneuerung der Eliten durch Kämpfer der Sonderoperation realisiert. Wenn sich jedoch die Kommunisten darauf einlassen, können sie einen Teil selbst des Kernwählerschaft verlieren. Die generell auf einen Protest eingestellten Schichten der städtischen Wähler werden dann wohl nicht zu einer Unterstützung der Linken zurückkehren, sondern eher sich von ihnen gänzlich abwenden.