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Die Manöver wurden beendet, doch die rote Linie in der Meerenge von Kertsch ist geblieben


Das in Kiew erwartete Ausufern der Militärmanöver der russischen Armee im Süden Russlands zu einer militärischen Intervention auf das Territorium der Ukraine ist nicht geschehen. Am Donnerstag erfolgte auf dem Truppenübungsplatz „Opuk“ auf der Krim die aktive Phase großangelegter Überprüfungsmanöver von Truppen des Südlichen Militärbezirks und der Luftlandelandetruppen, die Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu persönlich geleitet hatte. Auf der Halbinsel handelte eine bedeutende Gruppierung des Südlichen Militärbezirks, darunter praktisch seine gesamte Gefechtsluftwaffe und Anlandungsschiffe mehrerer Flotten und der Kaspi-Flottille. Den in den sozialen Netzwerken und auf anderen Internetplattformen gezeigten Videoaufnahmen nach zu urteilen, wurde das Anlanden taktischer Marineinfanterie- und Luftlandeeinheiten trainiert.

Das Verteidigungsministerium der Russischen Föderation teilte mit, dass die Fregatten „Admiral Makarow“ und „Admiral Essen“, der Raketenkreuzer „Moskau“, aber auch die kleinen Raketenschiffe „Wyschnij Wolotschek“ und „Graiworon“ den Marineanlandungseinheiten eine Feuerunterstützung geleistet hätten. „Erstmals handelten im Bestand der Anlandungsgruppe und der Einheit für eine unmittelbare Feuerunterstützung zusammen mit Seeleuten der Schwarzmeerflotte Besatzungen von Schiffen der Kaspi-Flottille – der Landungsschiffe des Projekts „Gemse“ und Artillerieboote des Projekts „Hummel““, teilte man im Verteidigungsministerium mit. Zur Unterstützung des Anlandens der Marineinfanteristen an der Krim-Küste wurden sieben Gruppen von Hubschraubern – der Kampfhubschrauber Ka-52 „Alligator“ – und der Transport- und Kampfhubschrauber Mi-8 „Terminator“ eingesetzt. Außer den Hubschraubern nahmen an den Manövern „zwei Staffeln von Flugzeugen der operativ-taktischen Luftstreitkräfte eines Verbands der Luftstreitkräfte und der Luftabwehr des Südlichen Militärbezirks sowie der Fliegerkräfte der Schwarzmeerflotte teil“, die Raketen- und Bombenschläge „gegen Ziele führten, die Kräfte einer Landungseinheit des angenommenen Gegners imitierten, der sich in einer Entfernung von bis zu 100 Kilometern befand“.

Laut Angaben des russischen Verteidigungsministeriums waren bei den Manövern über 10.000 Militärangehörige, 1200 System von Waffen und Gefechtstechnik, aber auch über 40 Kampfschiffe und 20 Sicherstellungsschiffe zum Einsatz gekommen. Obgleich der Chef der Hauptverwaltung für Aufklärung des ukrainischen Verteidigungsministeriums Kirill Budanow eine Woche zuvor vorausgesagt hatte, dass auf der Krim eine mindestens viermal größere Gruppierung konzentriert werde, die rund 42.000 Militärs der Streitkräfte der Russischen Föderation umfassen werde. „Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass ein Teil der Truppenteile und Verbände, die auf die Halbinsel verlegt wurden, nicht an den Manövern auf dem Truppenübungsplatz „Opuk“ am Donnerstag teilgenommen hat“, erläuterte die Situation der Militärexperte Oberst Schamil Garejew. „Aber die Prognosen vieler ukrainischer Militärs hinsichtlich einer möglichen Aggression Russlands gegen das Verwaltungsgebiet Cherson haben sich ebenfalls nicht bewahrheitet“.

Bei der Bilanzierung der Manöver auf der Krim würdigte Sergej Schoigu hoch die Handlungen der Truppen und stellte dem Generalstab, den Befehlshabern der Truppen der Militärbezirke und der Luftlandetruppen die Aufgabe, „die Rückkehr der Truppen zu den Punkten der ständigen Dislozierung zu planen und am 23. April zu beginnen. Werden aber alle Truppen, die auf die Krim gekommen sind, in die Winterquartiere zurückkehren?

Wie Schamil Garejew der „NG“ mitteilte, „werden praktisch alle Überprüfungsmanöver in der russischen Armee, darunter auch auf der Krim, abgeschlossen. Es ist aber keine Tatsache, dass das Leben der Militärs auf den Truppenübungsplätzen ausstirbt. Es bleibt etwas mehr als ein Monat bis zum Beginn der Sommergefechtsausbildung (sie beginnt am 1. Juni). Und den ganzen Sommer über erfolgt die Vorbereitung zu den strategischen Kommandostabsübungen „Zapad-2021“ („Westen-2021“), an denen, wie erwartet wird, auch Truppenteile und Verbände des Südlichen Militärbezirks auf aktivste Weise teilnehmen werden“, meint er.

In diesen militärischen Aktivitäten, die sowohl auf der Krim als auch im Bereich des Asowschen und des Schwarzen Meeres demonstriert werden, gibt es auch einen geopolitischen Hintergrund, der mit der Blockierung der Meerenge von Kertsch seit dem 24. April bis Ende Oktober für ein Passieren durch Kriegsschiffe und Handelsschiffe nicht unter ukrainischer Flagge zusammenhängt. „Hier ist offensichtlich auch die von der russischen Führung skizzierte rote Linie, von der der Präsident der Russischen Föderation Wladimir Putin in seiner Jahresbotschaft an die Föderale Versammlung am 21. April gesprochen hatte“, ist sich der Experte sicher.

Bekanntlich haben viele Länder Besorgnis über die Sperrung bestimmter Gebiete des Schwarzen Meeres durch das russische Verteidigungsministerium für die Schifffahrt bekundet. Und der offizielle EU-Sprecher für auswärtige Angelegenheiten und Sicherheitspolitik Peter Stano schloss nicht aus, dass im Zusammenhang mit solchen Handlungen Moskaus neue Sanktionen gegen Russland verhängt werden könnten. Laut Angaben US-amerikanischer Medien würden auch die USA neue Sanktionen gegen die Russische Föderation vorbereiten.

Dabei erörtert Washington die Frage nach der Gewährung regelmäßiger militärischer Hilfe für die Ukraine. Beispielsweise hat der Senat des US-Kongresses im Ausschuss für internationale Angelegenheiten am Mittwoch bereits einen Gesetzentwurf unterstützt, der diese Hilfe mit 300 Millionen Dollar im Jahr beziffert. Dazu kommen 4 Millionen Dollar im Jahr, die für die Ausbildung ukrainischer Militärs bestimmt sind. Laut Angaben des Wall Street Journals arbeiten Offizielle der USA einen Plan zur Übergabe von Waffen an die Ukraine im Falle eines Krieges gegen Russland aus. Diese Maßnahmen seien aber bisher nicht vom amerikanischen Präsidenten Joseph Biden bestätigt worden. Laut Angaben des Blattes könnten solche Lieferungen „Panzerabwehrwaffen, Schiffsbekämpfungs- und Luftabwehrsysteme“ umfassen. Außerdem würden Lieferungen von Mitteln für den funkelektronischen Kampf, aber auch eventuell Patriot-Raketenabwehrkomplexe an die Ukraine geprüft.

Auf die Frage von Journalisten zur Möglichkeit von Lieferungen von Patriot-Raketenabwehrkomplexen an die Ukraine antwortend, teilte der Sprecher des US-Außenministeriums Ned Price mit: „Die USA haben seit 2014 über zwei Milliarden Dollar als Hilfe im Sicherheitsbereich für die Ukraine bereitgestellt. Wir werden weiter an der Gewährung von Hilfe auf dem Gebiet der Sicherheit arbeiten, die die Ukraine für den Schutz vor einer russischen Aggression braucht. Dies umfasst letale Verteidigungssysteme, wobei wir uns auf unsere ständige Beurteilung dessen stützen, was die Ukraine benötigen kann“.

Vor diesem Hintergrund verstärken die Streitkräfte der USA und der NATO ihre Aktivitäten an den Grenzen Russlands. Sie bereiten sich beispielsweise auf die großangelegten Manöver „Defender Europe“ vor, die die größten seit den letzten 30 Jahren sein werden. Im Rahmen der Vorbereitung auf diese sind in Polen, in der Slowakei, in Ungarn, Rumänien und Bulgarien Koordinationszentren gebildet worden, die den Empfang von NATO-Truppen und Frachtgut sichern werden, teilte Russlands Außenminister Schoigu auf der Krim mit. Seinen Worten zufolge „wird eine der Hauptgruppierungen der Koalitionstruppen der Allianz im Schwarzmeergebiet entfaltet. Und in griechischen Häfen treffen Waffen, Gefechts- und Spezialtechnik ein“. Und offensichtlich nicht zufällig hat der russische Verteidigungsminister bei seinem Aufenthalt auf dem Übungsgelände „Opuk“ den Truppen befohlen, „zu einem unverzüglichen Reagieren im Falle einer ungünstigen Entwicklung der Lage in den Regionen dieser NATO-Manöver bereit zu sein“.