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Die NATO bereitet die Ukraine auf lange Gefechte vor


Vor dem Hintergrund der taktischen Erfolge Russlands im Donbass demonstriert der Westen weiterhin die Entschlossenheit, Kiew mit militärischen Ressourcen zu unterstützen. Dies hat Deutschlands Bundeskanzler Olaf Scholz, der in der vergangenen Woche in der ukrainischen Hauptstadt weilte, im Namen der Staats- und Regierungschefs der G-7 erklärt. An Unterstützung werde es beim anstehenden G-7-Gipfel in Bayern (der vom 26. bis 28. Juni stattfinden wird) „so viel geben, wie erforderlich ist“, betonte der deutsche Politiker. Solch eine Einstellung demonstrierten auch NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg und der britische Premierminister Boris Johnson, die praktisch unison sagen, dass die Konfrontation der Russischen Föderation und der Ukraine „Jahre dauern kann“ und die Lieferung moderner Waffen für die ukrainischen Truppen deren Erfolgschancen erhöhen könne.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron teilte nach dem Kiew—Besuch vom Donnerstag mit, dass der Westen keine Jagdflugzeuge und Panzer aufgrund der Befürchtungen, in einen großen Krieg gegen Russland hingezogen zu werden, an die Ukraine liefern werde. Dennoch ist aber glaubwürdig bekannt, dass allein Polen und andere Länder, die einst zur Organisation des Warschauer Vertrags gehört hatten, bereits 270 T-72-Panzer in die Ukraine geliefert haben. Und die Flugzeuge vom Typ Su-25 und MiG-29 gehen der ukrainischen Armee aus irgendeinem Grunde nicht aus. Laut Angaben des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation, die nicht überprüfbar sind, sollen davon bereits 208 vernichtet worden sein (laut der russischen Nachrichtenagentur Interfax vom 20. Juni unter Berufung auf das Moskauer Verteidigungsministerium), wobei es anfangs insgesamt 152 Flugzeuge in den ukrainischen Streitkräften gegeben haben soll.

Beim bevorstehenden NATO-Gipfel in Madrid werden — wie auch beim G-7-Gipfel — neue Waffenlieferungen für Kiew erörtert. Das Pentagon hat versprochen, den Streitkräften der Ukraine weitere vier Mehrfach-Raketenwerfer HIMARS zu liefern, die imstande sind, Ziele in einer Entfernung von bis zu 300 Kilometern zu vernichten. In den sozialen Netzwerken sind gleichfalls schon Bilder des Verladens einer neuen Partei von Mi-17-Kampfhubschraubern in US-Militärtransportflugzeuge aufgetaucht, die in die Ukraine gebracht werden sollen. Insgesamt werden laut Angaben des Pentagons 20 solcher Helikopter geliefert, das heißt fast ein ganzes Hubschrauberregiment. Großbritanniens Premierminister Boris Johnson gab ein neues britische Programm für eine militärische Hilfe für die Ukraine bekannt. Er versprach unter anderem, rund 10.000 Militärangehörige der ukrainischen Streitkräfte entsprechend den NATO-Standards innerhalb von 120 Tagen zu schulen.

Solch eine Einstellung des Westens begrüßt man in Kiew und ist gleichfalls der Auffassung, dass die Kampfhandlungen zu langwierigen werden. Dies erklärte Alexej Danilow, Sekretär des Rates für nationale Sicherheit und Verteidigung, in einem Interview für die kanadische Zeitung „The Globe and Mail“. Er gestand die derzeitige Überlegenheit der Russischen Föderation hinsichtlich der Artillerie und schweren Technik ein. „Dies macht unseren Kämpfern keine Angst. Wir halten unsere Stellungen. Von Zeit zu Zeit führen wir Gegenattacken“, sagte Danilow, wobei er betonte, dass die Seiten weit von einer Einstellung des Konflikts entfernt seien.

Dabei ist man in Kiew der Meinung, dass der Umfang der internationalen Militärhilfe unzureichend sei. Entsprechend einer Erklärung des stellvertreten Verteidigungsministers der Ukraine, Wladimir Karpenko, „decken die Waffenlieferungen aus dem Westen bis zu 15 Prozent des Bedarfs“ der Armee. Nach seinen Worten bräuchte Kiew Artilleriewaffen und Artilleriemunition, Schützenpanzerwagen (BMP), Panzer, Luftabwehrmittel und Raketenwerfer-Systeme. Karpenko teilte mit, dass aus den Ländern des Westens bisher rund 100 Artilleriesysteme eingetroffen seien. Viele von ihnen würden im Zuge der intensiven Gefechte ausfallen. Und man müsse sie reparieren. Der Vertreter der Streitkräfte der Ukraine nannte erstmals detaillierte Verluste, die die Truppen seit Beginn der Durchführung der angeblichen militärischen Sonderoperation durch Russland erlitten hätten. „Zum heutigen Tag haben wir etwa 30 bis 40 und mitunter bis zu 50 Prozent an Verlusten bei der Technik im Ergebnis der aktiven Gefechte. Somit haben wir ungefähr 50 Prozent verloren. Verloren wurden rund 1300 BMP, 400 Panzer und 700 Artilleriesysteme“, betonte er.

Diese Zahlen stellen etwa die ungefähre Hälfte jenes Umfangs an Verlusten der ukrainischen Streitkräfte dar, über die im russischen Verteidigungsministerium berichtet wird (ohne eine Möglichkeit, die genannten Zahlen auch nur im Geringsten nachprüfen zu können). So behauptete der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums am Montagvormittag, dass 3696 ukrainische Panzer und andere gepanzerter Fahrzeuge vernichtet worden seien, aber auch 2055 Feldartilleriewaffen und Minenwerfer.

„Den Widersprüchen in den Zahlen hinsichtlich der Verluste muss man keine ernsthafte Beachtung schenken“, erklärte gegenüber der „NG“ der Militärexperte und Generalleutnant im Ruhestand Jurij Netkatschjow. „Schließlich treffen im Generalstab der Streitkräfte der Russischen Föderation tägliche Daten in Form von Gefechtsberichten von den kämpfenden Verbünden ein. Danach werden sie summiert. Aber da kann es Fehler geben. Man muss auch berücksichtigen, dass ein Teil der ausgefallenen gepanzerten Technik und der Artillerie des Gegners instandgesetzt wird, darunter auch unter feldmäßigen Bedingungen. Und danach werden sie bei den Gefechten eingesetzt“. Nach seiner Meinung sei es wichtiger, den Umfang dessen zu beurteilen, um das die Ukraine für eine Wiederherstellung ihres militärischen Potenzials bittet, und dessen, was man ihr gebe. Kiew rechne noch mindestens mit 500 Panzern, 1000 Artilleriegeschützen (155-mm-Haubitzen), 300 Raketenwerfer-Komplexe und 1000 Drohnen. „Dies ist ein sehr großes Potenzial“, betont der Experte. „Dessen Besitz gibt Kiew die Möglichkeit, eine ernsthafte Offensive gegen die russische Armee und deren Verbündeten zu führen. Es ist aber nicht so einfach, dies Kiew bereitzustellen. Beispielsweise hat die US-Armee nur 518 mobile M777-Haubitezn mit einem Kaliber von 155 mm. Und dazu kommen 481 solcher Haubitzen, die sich bei der Marineinfanterie der USA befinden. Da ergibt sich, dass das Pentagon alles an die ukrainischen Streitkräfte abgibt. Und es selbst bleibt da bei null? So geht das nicht“.

Aber unter Berücksichtigung des Bestrebens des Westens, der Ukraine mit der Zeit zu helfen, in der die großangelegte Hilfe für die ukrainischen Streitkräfte zu einer rhythmischen und ständigen wird, müssen die russische Armee und ihre Verbündeten zu einem hohen Preis mit den Folgen fertig werden. „Die russische Armee und die Bürgerwehr des Donbass können nach wie vor keine strategische Einkreisung der sich verteidigenden Einheiten der ukrainischen Streitkräfte organisieren. Nach dem erfolgreichen Durchbruch nach Gostomel hat es nicht eine einzige Erwähnung von einer Landeoperation taktischer Luftlandeeinheiten gegeben. Die Luftlandetruppen rücken wie einfache Infanterie vor. Die russischen Truppen verlieren die operative Initiative und sind in Positionsgefechten steckengeblieben. Und dies jetzt, da die ukrainischen Streitkräfte seitens der USA und der NATO nur zu 15 Prozent von den für die Ukraine erforderlichen Gefechtsressourcen unterstützt werden. Was wird aber sein, wenn die Waffen für die ukrainischen Truppen wie ein Fluss kommen werden“, fragt sich Netkatschjow.