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Die Rückkehr von Stalingrad auf die Landkarte Russlands nimmt der KPRF einen wichtigen Trumpf


Die Idee von einer Umbenennung Wolgograds in Stalingrad wird zu einem Gegenstand politischer Spiele und Spekulationen in der KPRF. Ohne reale Möglichkeiten zu haben, die Situation um eine Änderung des Namens der Heldenstadt an der Wolga zu beeinflussen, versuchen einzelne Interessengruppen in der Partei von Gennadij Sjuganow, die toponymische Intrige eventuell zwecks Schwächung der Konkurrenten aus dem Apparat zu privatisieren. Zu einem Ergebnis dessen kann eine Diskreditierung der eigentlichen Idee von einer Rückkehr Stalingrads auf die Landkarte Russlands werden.

Die Staatsduma-Abgeordnete von der KPRF Anshelika Glaskowa hat vor einigen Tagen (am 19. Oktober – Anmerkung der Redaktion) im Unterhaus einen Gesetzentwurf vorgelegt, der Wolgograd und Sankt Petersburg ihre sowjetischen Namen – Stalingrad und Leningrad – zurückgeben soll. Entsprechend der Idee der fast 58jährigen Abgeordneten sollte die Umbenennung innerhalb eines Jahres nach Annahme des Gesetzes vorgenommen werden, in dem gleichfalls ein Verbot für eine weitere Umbenennung dieser beiden Heldenstädte fixiert werden müsse.

In Wolgograd ist die Initiative der Ex-Buchhalterin Glaskowa nicht nur von den einheimischen Offiziellen, sondern auch von den Kommunisten eine unbemerkte geblieben. Das Gebietskomitee der KPRF reagierte nicht öffentlich auf die Nachrichten über die Gesetzesvorlage. „In unserer Parteiorganisation hat der Vorschlag von Glaskowa kein besonderes Interesse ausgelöst“, erzählte eine Quelle, die der Führung des Wolgograder Gebietskomitees der KPRF nahesteht. „Für alle ist schon lange klar, dass es ohne ein grünes Licht aus dem Kreml keinerlei Umbenennung in Stalingrad geben wird. Bisher gibt es kein solches grünes Licht“.

Als „einen Wirbel um Nichts“ und „Jagd nach einem Hype“ bezeichnete in einem Gespräch mit der „NG“ einer der Abgeordneten im Wolgograder Stadtparlament die Initiative Glaskowas. Nach seinen Worten hätten Vertreter Wolgograds nicht an der Vorbereitung des Gesetzentwurfs, der von Glaskowa vorgelegt wurde, teilgenommen. „Überhaupt ähnelt dies einer nicht abgestimmten Initiative einer Gruppe von Genossen innerhalb der KPRF. Sie werden fast sicher die anderen Fraktionen der Staatsduma nicht unterstützen, schon ganz zu schweigen von der Administration des Präsidenten. Ohne diese Unterstützung kommt der Gesetzentwurf nicht aus dem Status eines Informationsrummels heraus, den man bald vergessen wird“.

In der Wolgograder politischen und Experten-Community, wo die Initiative Glaskowas träge diskutiert wird, erklärt man das Auftauchen ihrer Gesetzesvorlagen mit der Neuformatierung des innerparteilichen Kampfes um Einfluss in der KPRF nach der Wahl des neuen russischen Parlaments. Laut Versionen Wolgograder Beobachter seien Anshelika Glaskowa und ihr Gatte, der bekannte Politologe, Historiker und Vertreter des öffentlichen Lebens mit einer sozialistischen Orientierung Nikolaj Platoschkin eng mit der Gruppe von Jurij Afonin liiert. Ihn nennt man mitunter als einen der wahrscheinlichen Nachfolger von Gennadij Sjuganow im Amt des KPRF-Chefs, womit andere angesehene Kommunisten, die alternative Interessensgruppen anführen, kategorisch nicht einverstanden seien.

Die Anführer der informellen Gruppen des Apparats innerhalb der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation, die miteinander konkurrieren, nutzen die unterschiedlichsten Instrumente, darunter ideologische, wobei sie bestrebt sind, sich als unbeugsame, prinzipielle Kommunisten vor der Parteimasse und der linken Wählerschaft zu präsentieren. Eine der populären Methode ist das Demonstrieren von Sympathie für Stalin, die stalinistische Mythologie und das Imitieren eines Kampfes für eine „Rückkehr von Stalingrad auf die Landkarte der Heimat“.

Nach Meinung von Wolgograder Beobachtern müsse die gesetzgeberische Demarche von Glaskowa möglicherweise unter anderem auch als Versuch der Gruppe von Afonin gewertet werden, wenn nicht das „Stalingrad-Projekt“ zu privatisieren, so doch zeitweilig den Konkurrenten aus dem Apparat abzujagen. „Jetzt müssen die Gegner der Afonin-Leute in der KPRF sich entweder der Initiative von Glaskowa und Platoschkin anschließen oder in einen Informationsschatten treten, womit ihnen erlaubt wird, einige Zeit lang auf dem Podium des Kampfes für eine Rückkehr von Stalingrad solistisch aufzutreten“, merkte einer der Wolgograder Kommunisten an.

Die aufrichtigen Anhänger der „Stalingrad-Partei“ in Wolgograd, die viele Jahre lang die Idee einer Umbenennung der Heldenstadt an der Wolga in Stalingrad unterstützen, reagieren mit Empörung auf die Versuche einiger kommunistischer Funktionäre, den „Kampf für Stalingrad“ in ein spekulatives politisches Projekt zu verwandeln. Nach Meinung eines solcher Anhänger „treten die Kommunisten verbal für eine Rückkehr von Stalingrad ein, in der Praxis aber tun sie alles mögliche, damit dies nicht geschieht“.

Es gibt eine Logik in seinen Überlegungen. Wenn die absolute Mehrheit in den Organen der legislativen und exekutiven Staatsgewalt im Land die Anhänger von „Einiges Russland“ ausmachen, so sei es naiv, darauf zu hoffen, dass sie den Kommunisten erlauben werden, das Projekt für eine Umbenennung von Wolgograd in Stalingrad zu übernehmen und zu realisieren. „Stalingrad auf die Landkarte der Heimat kann nur „Einiges Russland“ zurückbringen, wenn die Partei dies natürlich möchte“, kommentierte einer der Anhänger der „Stalin-Partei“ in Wolgograd. „Die KPRF darf nicht, wenn sie wirklich an einer Umbenennung der Stadt interessiert ist, den Versuch unternehmen, mit einer solchen Initiative im eigenen Namen aufzutreten. Die Aufgabe der Kommunisten ist es, eine ständige, mühsame und hinter den Kulissen erfolgende Arbeit vorzunehmen, wobei sie die regierende Partei von der Notwendigkeit solch eines Schrittes überzeugt und ihr Varianten irgendwelcher Vereinbarungen unterbreitet. Mögen die Umbenennung von Wolgograd in Stalingrad offiziell die Vertreter von „Einiges Russland“ vornehmen. Für die wahren Kämpfer für die historische Gerechtigkeit hat es keine Bedeutung, wessen Gesetzentwurf oder Erlass dies fördern wird“.

Vorerst aber erstarken bei den Anhängern der „Stalingrad-Partei“ in Wolgograd die Überzeugungen, dass man in der Partei von Gennadij Sjuganow tatsächlich keine „reale Umbenennung“ der Heldenstadt an der Wolga wolle. „Die Kommunisten spekulieren bereits fast 30 Jahre lang zum Stalingrad-Thema, wobei sie es aus ihrem Polittechnologie-Koffer zu einer für sich gebrauchten Situation hervorholen“, merkte in einem Gespräch einer der Wolgograder Politiker an. „Wenn Stalingrad plötzlich wirklich auf die Landkarte Russlands zurückkehrt, verliert die KPRF einen wichtigen und effektiven ideologischen und propagandistischen Trumpf. Womit wird man dann zu den Wählern gehen, zu den potenziellen Anhängern der Partei, die sich daran gewöhnt hat, durch die ruhmreiche Vergangenheit zu leben, und sich vage die Zukunft vorstellt?“.

Für die Kommunisten war und bleibt der ewige Kampf für eine Umbenennung von Wolgograd in Stalingrad eines der hauptsächlichen ideologischen und polittechnologischen Narrative. Und scheinbar ist das Wichtigste in diesem Kampf, zufällig nicht zu gewinnen. Den naiven Romantikern aus der „Stalingrad-Partei“ bleibt aber, entweder auf eine überraschende Revision ihrer Position hinsichtlich des „Stalingrad-Projektes“ seitens der regierenden Partei oder aber auf eine unerwartete Veränderung der Haltung zur Umbenennung von Wolgograd seitens der Mehrheit der Stadteinwohner zu hoffen. Allerdings ist vorerst sowohl das eine als auch das andere wenig wahrscheinlich.