Unabhängige Zeitung

Private Tageszeitung

Die Taliban werden zu einer realen Bedrohung für Russland und dessen Verbündeten


Die Erfolge der Kämpfer der „Taliban“-Bewegung (die in der Russischen Föderation verboten ist), die im Zusammenhang mit dem Abzug der Truppen der USA und der NATO immer neue Gebiete Afghanistans unter ihre Kontrolle bringen, wirken sich bereits auf die Sicherheit der angrenzenden GUS-Staaten aus. Über 300 afghanische Militärs haben nach Gefechten mit den Taliban mit Billigung von Duschanbe die Grenze Tadschikistans in der Region von Berg-Badachschan mit ihren Waffen überschritten. Wenn die Taliban die nördlichen Grenzregionen des Landes einnehmen, können in die südlichen GUS-Staaten Ströme von Flüchtlingen und radikalen Islamisten fließen. Dies wird nicht nur ein Schlag für die Länder Zentralasiens, sondern auch für Russland werden.

In den Staaten Zentralasiens prognostiziert man das Auftreten neuer militärischer Konflikte unter Beteiligung von Kämpfern, die aus Afghanistan gekommen sind. Wie der Experte Andrej Medwedjew erklärte, „gibt es praktisch keine Zeit für eine Befestigung der Grenzen und für eine Neuausbildung der Streitkräfte der Länder Zentralasiens. Im Falle des Beginns aktiver Handlungen wird es nur unter der Bedingung eines Eingreifens äußerer Kräfte möglich werden, die Taliban zu stoppen“. Der Militärexperte Oberst Schamil Garejew, der im Hauptstab der Streitkräfte der Republik Usbekistan lange Zeit gedient hat, ist der Auffassung, dass für Russland keine direkte bewaffnete Aggression seitens der ungesetzlichen bewaffneten Formationen das gefährlichste sei, sondern das regelmäßige Eindringen und die terroristische Wühltätigkeit der Islamisten auf den grenznahen Territorien Usbekistans und Tadschikistans. Letzteres hat einen ausgedehnteren und anfälligeren Grenzbereich. Nach Meinung des Experten „können das Hauptziel solcher Handlungen die Vornahme einer Anwerbung unter den Einwohnern der südlichen Länder der GUS sowie die Durchführung von Terrorakten an lebenswichtigen Objekten und eine Einschüchterung der Bevölkerung und der Machtorgane sein, was zu einer Destabilisierung der Lage und einer Untergrabung der Autorität der Führungen der zentralasiatischen Länder führen und eine humanitäre Katastrophe auslösen kann“. Wie Garejew denkt, sei gleichfalls ein „Export“ afghanischer Kämpfer und einer Instabilität nach Russland möglich.

Die offizielle Sprecherin des Außenministeriums der Russischen Föderation Maria Sacharowa erklärte aber dieser Tage, dass „Russland nicht geneigt ist, die Situation in Afghanistan zu dramatisieren“, obgleich die Zunahme der Aktivitäten der Taliban nach ihrer Meinung „eine Verschlechterung der humanitären Lage nach sich ziehen“ könne. Die bewaffnete Konfrontation zwischen den Regierungstruppen und Kämpfern der „Taliban“-Bewegung wurde als eine „saisonale“ bezeichnet, das heißt, die nicht mit dem Abzug der amerikanischen Truppen zusammenhänge. Zuvor hatte sich in einem ähnlichen Sinne auch der Direktor des Zweiten Asien-Departments des russischen Außenministeriums Zamir Kabulow geäußert. Auf die Frage danach, ob man in Moskau die Gefahr eines Übergreifens der militärischen Aktivitäten der Taliban auf das Territorium der an Afghanistan angrenzenden Staaten sehe, antwortete der Diplomat: „Nein, solche Risiken sehen wir nicht“.

Seinerseits teilte am vergangenen Samstag der Generalsekretär der Organisation des kollektiven Sicherheitsvertrages Nikolaj Sas mit, dass die sich in Afghanistan abspielenden Prozesse die Situation in der zentralasiatischen Region wesentlich beeinflussen würden. Nach seiner Meinung bleibe die Wahrscheinlichkeit einer baldigen Regelung der Situation im Land und als Folge im afghanischen Grenzgebiet eine geringe. Die Ernsthaftigkeit der Lage im Zusammenhang mit dem Abzug der Truppen der Vereinigten Staaten und der NATO aus Afghanistan betont man auch in Russlands Verteidigungsministerium. Bereits im April dieses Jahres hatte der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu, der in Duschanbe bei einer Tagung der Verteidigungsminister der Organisation des kollektiven Sicherheitsvertrages weilte, Besorgnis über das Geschehen bekundet und erklärt, dass die Länder der Organisation „vor dem Hintergrund einer Degradierung der Situation im benachbarten Afghanistan die Planung einer gemeinsamen Abwehr möglicher Gefahren vornehmen“. Doch praktische Handlungen seitens der Russischen Föderation und der anderen Länder – der Verbündeten hinsichtlich einer kollektiven Verteidigung – zur Verhinderung derartiger Szenarios sind bisher nicht auszumachen.

Eine Reihe von Beobachtern und Medien lenkten die Aufmerksamkeit auf Mitteilungen aus dem Weißen Haus, wonach die Vereinigten Staaten nach dem Abzug ihres Militärkontingents aus Afghanistan das für sie arbeitende afghanische Personal nicht der Willkür des Schicksals überlassen würden. Wie der TV-Sender CNN meldete, führe Washington zu dieser Frage Verhandlungen mit den Ländern Zentralasiens – mit Tadschikistan, Kasachstan und Usbekistan. Durch einen amerikanischen Plan sei eine Umsiedlung von etwa 18.000 Afghanen, die für die USA arbeiteten, in diese Länder vorgesehen (zusammen mit den Familien – fast 50.000 Menschen). Bisher folgte keine offizielle Reaktion auf solche Vorschläge Washingtons seitens der genannten Länder. Obgleich nach Meinung einer Reihe von Experten solch eine Variante für die Entwicklung der Ereignisse möglich und bereits bei den jüngsten Treffen von US-Außenminister Anthony Blinken mit den Amtskollegen aus Usbekistan und Tadschikistan, Abdulasis Kamilow und Sirodschiddin Muchriddin, in Washington diskutiert worden sei. Dies ist nicht nur für die Länder Zentralasiens gefährlich.

Wie der Militärexperte Oberst Nikolaj Schulgin denkt, stelle eine Verlegung eines erheblichen Kontingents afghanischer Bürger in Länder der GUS Potenzial für eine ernsthafte Instabilität in den postsowjetischen Ländern dar. „Wir wissen nicht, wer auf das Territorium der GUS-Staaten gebracht wird. Da ist das Eindringen sowohl von radikal gesinnten afghanischen Kämpfern als auch Drogenbaronen und anderen kriminellen Autoritäten möglich. Gerade deshalb wollen die Amerikaner sie nicht auf ihr Territorium holen und planen, sie in einer Pufferzone – in den südlichen Ländern der GUS – zu belassen. Es sei angemerkt, dass die russische Grenze mit Kasachstan die längste (fast 7.600 Kilometer – Anmerkung der Redaktion) und eine offene ist“, meint der Experte. Nach seiner Meinung könne man die Verlegung von Massen an Afghanen „als einen gewissen hybriden Krieg, der auf die Schaffung von Spannungsherden im Süden der GUS und Russlands abzielt“, ansehen. Dabei würden die USA nicht den Wunsch aufgeben, sich erneut in den Ländern Zentralasiens festzusetzen, wie dies vor zehn Jahren gewesen sei. Schulgin betonte, dass ein indirektes Anzeichen für solche Pläne die Medieninformationen seien, wonach das Pentagon beabsichtige, bis zu 240 Millionen Dollar für neue Militärobjekte in zwanzig Ländern einschließlich Usbekistan und Tadschikistan bereitzustellen.