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Ein Mensch, Wissenschaftler, Kollege und Freund


Wir haben stets den Menschen besondere Achtung entgegengebracht, die, in anderen Ländern lebend, Russland und dessen Kultur, die eigentlich für sie eine völlig fremde zu sein schien, dienten. Gerade zu ihnen gehörte der Philologe, Slawist und Doktor der Philosophie Gottfried Kratz (1947-2022). In diesem Mann hatten sich deutsche Pedanterie und eine gewisse russische Herzlichkeit sowie eine große Gastfreundschaft verbunden. In der Arbeit war er ein maximal genauer. Jeden Verweis und jede Fußnote in seinen Forschungsarbeiten hatte er bis zum allerletzten Moment der Vorbereitung für eine Veröffentlichung überprüft. Zur gleichen Zeit aber war Gottfried Kratz in der Freundschaft sowie beim Helfen von Freunden und Kollegen wahrhaft unermesslich. In Vielem hatte sein Schicksal ein Zusatzstudium an der Moskauer staatlichen Lomonossow-Universität bereits in den Jahren 1974/1975 bestimmt, als er die junge Absolventin eines Bibliotheksberufsschule Nina Kajankina traf, die zu seiner Ehefrau wurde. Im Weiteren waren da die Saginaw Valley State University (USA), ein Slawistik-Studium an der Universität von Frankfurt/M., das Bibliothekar-Lehrinstitut des Landes Nordrhein-Westfalen und die Staatsbibliothek sowie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Im Jahr 2000 erhielt Kratz den akademischen Titel eines Professors der Universität Münster. Später arbeitete er sechs Jahre lang als Gastdozent am Lehrstuhl für Bibliothekswissenschaften in der Moskauer staatlichen Universität für Kultur und Künste.

Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit dieses Wissenschaftlers standen die Verbindungen auf dem Gebiet der Literatur sowie des Bibliotheks- und Verlagswesens zwischen Russland und Deutschland. Zu diesem Thema publizierte er über 200 Arbeiten. Besonders hatte ihn Turgenjew angezogen. Nicht ohne Grund war daher Kratz Mitglied der Turgenjew-Gesellschaft in Moskau. Nun, und die I.-S.-Turgenjew-Bibliothek mit ihrem beeindruckenden Lesesaal in der hauptstädtischen Mjasnizkaja-Straße war buchstäblich sein zweites Zuhause.

Herzliche Beziehungen verbanden Kratz gleichfalls mit dem Alexander-Solschenizyn-Haus des russischen Auslands, besonders mit der Bibliografin und Lyrikerin Nadeschda Jegorowa. Diese Zusammenarbeit fand in der Vorbereitung der Ausstellung „Das Goldene Jahrhundert des russischen Verlagswesens in Deutschland“ ihren Ausdruck, die dem Aufblühen des Verlegens von Büchern der ersten Emigrationswelle in Deutschland zu Beginn der 1920er Jahre galt.

Nadeschda Jegorowa wurde auch zu einem der Autoren des Sammelbands „Gottfried Kratz — Ein Mensch, Wissenschaftler, Kollege und Freund. Sammelband von Artikeln und Materialien“, der von der M.-A.-Bulgakow-Wohltätigkeitsstiftung unter Beteiligung der Turgenjew-Gesellschaft in Moskau und der I.-S.-Turgenjew-Bibliothek herausgegeben wurde. Da gibt es Erinnerungen an den Wissenschaftler von jenen, die ihn kannten und geliebt hatten. Von den Wissenschaftlerinnen Swetlana Swerjewa und Tamara Kowina, dem Schriftsteller Viktor Kosik, dem Chefredakteur der Zeitschrift „Bibliografie und Bücherkunde“ Konstantin Suchorukow sowie der langjährigen Direktorin der Turgenjew-Bibliothek Tatjana Korobkina. Um Entschuldigung wird bei denjenigen gebeten, die nicht genannt wurden, denn es sind zu viele Autoren.

Ja, und den anderen Teil des Bandes bilden Beiträge von Kratz an sich, wo vor allem Turgenjew dominiert. Genauer gesagt, die Geschichte seines Triumphs in der deutschen Kultur. Kratz berichtet von Ausgaben der Arbeiten des Schriftstellers in Deutschland – beginnend ab 1865, als eine 5bändige Ausgabe von Iwan Sergejewitsch Turgenjew in Karlsruhe erschien. Wir erfahren von den Schicksalen der Übersetzer Turgenjews, die dessen Texte ins Deutsche übertragen hatten, zum Beispiel von dem in Orjol geborenen Literaturwissenschaftler Arthur Luther (1876-1955). Vorgestellt wird der Autor eines Buchs über Turgenjew — Paul (Pawel) Barchan, der 1942 im Nazi-Konzentrationslager Auschwitz ums Leben gekommen war. Überdies finden wir heraus, dass Turgenjews Novelle „Asja“ (erschienen 1858) mehrmals ins Deutsche übersetzt wurde, und vieles andere.