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Ein Moskauer Chirurg gibt einem „Besonderen Patienten“ das Gesicht zurück


In die russischen Kinos kommt ein „Besonderer Patient“, ein Film des Regisseurs und Drehbuchautors Wjatscheslaw Rogoschkin, ein aktueller patriotischer Thriller über einen plastischen Chirurgen, der für einen Veteranen der militärischen Sonderoperation eine Gesichtstransplantation vornehmen soll. Dabei überwindet der Held nicht nur durch die politische Situation ausgelöste formelle Hindernisse, sondern löst auch eigene moralische Dilemmas, deren Anzahl wie eine Schneelawine zunimmt.

Berladin (Wladislaw Abaschin) ist der beste Arzt einer teuren Moskauer Klinik für plastische Chirurgie. Er korrigiert unregelmäßige Nasen und nimmt Liftings vor, wohnt im Viertel Moskau-City, hat eine lukrative Liebschaft mit einer Beamtin (Anastasia Mikultschina). Eines Tages aber macht ihm aber der Chef (Artjom Wolobujew) ein Angebot, das man wirklich in den Realitäten des heutigen Russlands unmöglich ablehnen kann: Aus dem Burdenko-Militärhospital verlegt man einen besonderen Patienten in die Klinik, den Hauptfeldwebel Perchun, der in ukrainischer Gefangenschaft überlebte, aber dort das Gesicht verloren hat. Für den Helden eine einmalige Transplantation vorzunehmen, wird zu einer Angelegenheit staatlicher Wichtigkeit. Berladin, der sich auf jegliche Weise von Frontnachrichten fernhält und sogar die Oberschwester (Olga Smirnowa) deshalb entlässt, weil sie unaufhörlich Meldungen von der Front hört, und dies ungeachtet dessen, dass ihr Sohn in den Krieg gezogen ist, versucht vergebens, dem auszuweichen. Findet sich aber letztlich damit ab. Allerdings ist nicht alles so einfach: Daneben, dass man auf einen geeigneten Spender warten muss, gibt es in Russland nicht die für solch eine Operation erforderlichen Anlagen und Ausrüstungen. Alles Erforderliche aus dem Ausland unter den Bedingungen der Sanktionen zu beschaffen, verwandelt sich in einer ganz gehörige Aufgabe mit einem Sternchen. Ja, und der Patient erweist sich nicht nur aufgrund der physischen Schäden als ein schwieriger, sondern auch angesichts des psychologischen Traumas. Er schweigt und versucht ständig, Hand an sich anzulegen.

Die Autoren füllen den Streifen mit zweitrangigen Handlungslinien, Charakteren und überraschenden Wendungen. Die Geschichte der Krankenschwester und deren Sohn wird für Berladin immer mehr zu einer persönlichen. Einen neuen Freiwilligen zu ignorieren, dessen Entscheidung der Arzt aufrichtig verurteilt, gelingt dieses Mal nicht. Öl ins Feuer gießt das zu Perchun gekommene Mädchen Mascha (Milana Lomia), seine Freundin von der Front, die aus Abchasien stammt und dementsprechend mit ihren reichen tragischen Kriegserfahrungen. Der zu Reden begonnene Perchun fügt ethische Dilemmas hinzu. Und Berladin vertieft sich immer mehr in eine düstere Selbstanalyse.

Zum Finale ändert das Drama den Genre-Vektor und transformiert sich beinahe in einen Thriller mit Action-Elementen – in der Ferne liegende Gefechtshandlungen brechen in das friedliche und satte Moskauer Leben ein. Der Feind kommt auf maximale Weise nahe, dabei den Helden kein Manöver für moralische Schwankungen und eine Auswahl der Seite zuzulassen.

Die Situation ist natürlich eine überspitzte, dafür vermittelt sie aber den Personen endlich die ganze Ernsthaftigkeit der Umstände. Hinter den für eine Heldentat motivierenden Dialogen, die gemäß allen Gesetzen der Kriegszeit gestaltet sind, verblassen die traurigen Realitäten in der Art eben jenes Mangels an medizinischen Geräten und an Medikamenten. Findige Ärzte und Beamten sind in der Lage, einen Ausweg zu finden und das Gewünschte zu erreichen. Folglich wird sogar die Gesichtstransplantation möglich. Das Wichtigste sind die goldenen Hände der Chirurgen. Und das Übrigen beschaffen Könner. Es ist alles nur eine Frage des Geldes und des Wunsches.

„Der besondere Patient“ ist entsprechend den Kanons des kommerziellen, des Genre- und auf den Zuschauer ausgerichteten Kinos geschrieben und gedreht worden. Doch er kommt nicht um die Tagesordnung herum. Sie wird auch zum Haupthelden des Streifens. Die anfangs als eine an Herz und Seele gehende Tragödie um eine posttraumatische Belastungsstörung und ein unheilbares Trauma heutiger (Kriegs-) Veteranen erscheint. Dieses überaus wichtige Thema, für das sicherlich noch nicht die Zeit gekommen ist, aber unweigerlich kommen wird, und dieser Moment des Begreifens wandeln sich aber letztlich in einen finalen aktuellen moralisierenden Pathos. Die Coming-of-Age-Filme (Entwicklungsfilme) sind heutzutage nicht nur über Teenager, sondern auch über Erwachsene, die zu Teilnehmern von Kriegshandlungen geworden sind.

P. S.

Der 92 Minuten lange neue Spielfilm kommt am 1. Oktober in die russischen Kinos und setzt eine Serie von Arbeiten fort, die dem Thema der militärischen Sonderoperation Russlands in der Ukraine gewidmet sind. Die Besonderheit besteht jedoch darin, dass der bewaffnete Konflikt nicht aus der Sicht der Ereignisse an der Front gezeigt wird, sondern aus der Sicht eines friedlichen Berufs, der auf einmal mit den Schrecken des Krieges konfrontiert wird. Produziert wurde der Streifen auch mit Unterstützung des 1. Fernsehkanals Russlands sowie Geldern des russischen Kulturministeriums. Offen bleibt jedoch, wie der Streifen von Wjatscheslaw Rogoschkin von den russischen Kinogängern aufgenommen wird, zumal vor Beginn des Verleihs wenig Werbung in den Medien und im Internet auszumachen war. Überdies ist die Konkurrenz in den Kinos Russlands derzeit eine starke – nicht nur aufgrund anderer russischer Streifen. Und die bisherigen derartigen patriotischen Filme haben ihre Kosten nicht eingespielt. Ereilt also den „Besonderen Patienten“ das gleiche Schicksal?