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Freiheit in einem Labyrinth


Die Eröffnung der Ausstellung „Träume über Freiheit. Romantik in Russland und Deutschland“ ist aufgrund der Coronavirus-Pandemie mehrfach verschoben worden. In diesem Sinne ist das Projekt praktisch entgegen den Umständen eröffnet worden. Wie man in der Tretjakow-Galerie erklärt, ist dies auch der erste Versuch eines Vergleichs des Kunststils in den beiden Ländern und eines der größten internationalen Projekte in der Geschichte des Museums, das mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gestaltet und im Rahmen des Deutschland-Jahres in Russland eröffnet wurde. Die deutsche Version des Vorhabens wird im Herbst (im Oktober) seine Pforten im Dresdner Albertinum öffnen. Den gewaltigen Umfang an Kunstwerken und Archivdokumenten, rund 300 Exponate, trug man aus 38 Museen und privaten Sammlungen Russlands, Deutschlands, den Vereinigten Staaten und Estlands zusammen. Dies aber sind einfach Zahlen. Die Kuratoren Ludmilla Markina, Sergej Fofanow und Holger Birkholz sowie die internationale Berühmtheit, der US-amerikanische Architekt Daniel Libeskind haben sie in eine komplexe Aussage über die Geschichte von Ideen, über den künstlerischen Stil im Kontext der großen Geschichte und Kultur sowie über Korrelationen zwischen dem 19. Jahrhundert und dem 21. Jahrhundert verwandelt.

Leider sind in Russland jetzt Ausstellungen selten, über die man lange nachdenken möchte, nachdem du aus dem Museum gekommen bist. Man kam, sah und fotografierte – dieses beinahe sprinterartige Format wurde zu einem gewohnten für das Publikum und zu einem erzwungenen für die Museen, die das Kulturministerium auf eine Erhöhung der Besucherzahlen und ein selbständiges Geldverdienen ausgerichtet hat. Wie selten sind doch bei uns die Ausstellungen geworden, die zu einem Dialog animieren und es verstehen, Fragen zu stellen. „Von Freiheit träumt man in unfreien Zeiten. Dies geschieht sowohl in Deutschland als auch in Russland.“ Mit diesen Worten eröffnete die Ausstellung die Direktorin des Albertinums Hilke Wagner, wobei sie von ihrem politischen Aspekt sprach.

Die Romantik mit ihrem chronologischen Rahmen des Beginns der Französischen bürgerlichen Revolution und der europäischen Revolutionen Mitte des 19. Jahrhunderts ergießt sich über den Betrachter als ein gewaltiges Massiv unterschiedlichsten Materials. Ab den Napoleonischen Kriegen (und einem Stiefel Napoleons mit einem – nach einer Verletzung – aufgeschnittenen Schaft) und dem, wie sie das Selbstbewusstsein an verschiedenen geografischen Punkten veränderten, bis beispielsweise zu den biblischen Skizzen Alexander Iwanows, von der Schubertschen „Winterreise“ bis zu den traurig-langgezogenen Klängen der Musikinstrumente, die durch Kriege beschädigt, durch Susan Philipsz aufgefunden und zu einer zeitgenössischen und ewigen Metapher verstummter Stimmen verwandelt worden sind. Von den Verfassungsentwürfen, die durch die Dekabristen verfasst wurden, und von der Sächsischen Verfassung bis beispielsweise zum Manifest der Kommunistischen Partei, das 1848 erschien. Die Worte „Ein Gespenst geht um in Europa…“ verbindet man heute nicht ohne Ironie mit dem Ende der Epoche der Romantik, die ein für sie wichtiges Bild umgekippt hatte.

Die Ausstellung wird in den von den Kuratoren gefundenen Gegenüberstellungen so aus der Taufe gehoben, wie aus einem Wirrwarr von Strichen das Bild von einem Ganzen auftaucht. Sie ist nicht nur und mitunter nicht so sehr eine Schau über konkrete Werke und überhaupt die bildende Kunst, sondern über eine Weltsicht und Ideen. Über die Unmöglichkeit von Freiheit und über Freiheit, über die Welt der Natur mit ihren majestätischen (und oft durch die Vorstellung konstruierten) „Landschaften der Seele“, über Gemeinschaften bzw. Gesellschaften, Bruderschaften und den Eskapismus rebellischer Seelen, über Interieurs und über die innere Welt, über den Begriff der Heimat, der an die Stelle des Begriffs des Vaterlands getreten ist, über die Religion und über Italien als ein uralter Traum und den Glauben der Künstler, der auf wundersame Art und Weise die Landschaften der deutschen und russischen Autoren harmonieren lässt. Und selbst darüber, warum man gerade in dieser Epoche Skizzen und Entwürfe zu schätzen begann. Über Caspar David Friedrich (und der in Vielem ihm gegenüberstehenden anderen Romantiker-Nazarener) mit seinen Träumen von der mittelalterlichen Architektur, über Alexei Gawrilowitsch Wenezianow (den man hier ausführlicher als Orest Kiprenskij betrachtet und den man überraschend, aber treffend mit Nikolaj Polisskij reimt bzw. in eine Verbindung bringt) mit seiner Flucht auf seinen Landsitz, mit seiner Kühnheit, in die Malerei ein romantisiertes Bild der Bauernschaft, des Volkes vor dem Hintergrund der idyllischen heimischen Seite zu lassen – einer Kühnheit, die in den Jahrzehnten nach dem Krieg von 1812 wichtig war.

Weder in den breiten Falten der historischen Umbrüche noch in den gewissen typologischen Reihen, in die die Bilder oft platziert worden sind, sind die mitunter erstaunlichen Details nicht verlorengegangen. Dies betrifft auch die Haupthelden der Ausstellung, die als Großaufnahme präsentierten Maler C. D. Friedrich, der dank Wassilij Schukowskij besondere Beziehungen mit Russland und dem Zarenhof hatte, und Wenezianow, Iwanow und der in Russland wenig bekannte Carl Gustav Carus, ein Mediziner, zu dem Nikolaj Gogol kam, und Schüler Friedrichs. In der Reihe der Iwanow-Skizzen zur „Erscheinung Christi vor dem Volk“ ist in seinem Suchen zu sehen, wie der Maler mental ein Bild sucht, physisch aber mitunter auseinandernimmt, zerstückelt. Und dies ist bereits ein Vorbote für die spätere künstlerische Optik. Wie auch zu deren Vorboten die recht überraschende, von einem russischen Künstler gemalte Arbeit „Spiegelbild“, ein Bild im Bild, eine Welt hinter einem Spiegel, zu der der Zugang durch die Falten weißen Stoffes markiert worden ist, und das frappierend überraschende „Unterrichtszimmer. Blick von oben“, auch von einem russischen unbekannten Künstler, das 1848 absolut den Blickwinkel im Stil von Alexander Rodtschenkow (ein russischer bzw. sowjetischer Maler, Grafiker, Fotograf und Architekt – Anmerkung der Redaktion) hinsichtlich des dynamischen Charakters vorweggenommen hatte, geworden sind. Oder man zeigt hier noch sozusagen nebenbei die Arbeit „Blick auf die Meeresküste in der Umgebung von Petersburg“, die durch den 19jährigen Iwan Aiwasowskij geschaffen wurde, der noch nicht seinen eigenen Stil gefunden zu jener Zeit gefunden hatte, jedoch die Nachfahren bald langweilte. Die Landschaft, stellt sich heraus, erinnerte sogar einige Kunstwissenschaftler an C. D. Friedrich. Dieses Projekt ist auch über „Bifurkationspunkte“. Unter anderem weil die Dialoge von Pawel Fedotows „Encore, noch einmal encore“ und der Performance des Romantikers der zeitgenössischen Kunst Andrej Kuskin „Im Kreis“ oder der Landschaften voll von Mystizismus der Romantiker und der düsteren Videofreske von Guido van der Werve mit einer endlosen Bewegung auf dem Eis und eines ihn endlos „verfolgenden“ Eisbrechers gelungen aussehen.

Die Romantik, demonstriert die Ausstellung über alle hier zusammengetragenen Linien hinweg, war eine Zeit der Geburt eines modernen Bewusstseins mit seiner Widersprüchlichkeit, Nervosität, ewigen Unzufriedenheit und auch einem ewigen Suchen. Der Klassizismus mit seinem rigorosen Charakter und exakten Rahmen der Normen hätte dies nicht tun können. Die Romantik hat natürlich letztlich auch Rahmen geschaffen. Dies aber waren bewegliche, durchdringbare, wie die Suche nach einem Weg – eine der Hauptmetaphern der Romantiker. Für C. D. Friedrich war die Natur an sich von einem religiösen Mystizismus durchdrungen. Der kopflastigere Künstler, der Nazarener Fritz Overbeck aber zitierte mit „Der Triumph der Religion in den Künsten“ den vatikanischen „Disput über das Sakrament“ Rafaels. Karl Brüllow hat zwischen der Romantik und dem Akademismus im Endergebnis letzteres gewählt, sein „Antagonist“ Iwanow – das erste.

Über die Wahl, das Sich-entscheiden gibt es hier sehr viele innere Sujets. Und das von Libeskind geschaffene Labyrinth, das den wichtigsten Ausstellungsraum der Neuen Tretjakow-Galerie bis zur Unkenntlichkeit umgestaltet hat, wird zu einem Hypertext, der die Linie des Ausstellungsdialogs verknüpft, trennt und vereint. Das Labyrinth ist ebenfalls eine Metapher für die Wahl des Weges: „Die Romantik taucht uns in jene geheimnisvolle Dimension ein, in der sich der Mensch zuerst verirren muss, um den Weg zur Wahrheit zu finden“. Der Ausweg aus diesem Labyrinth erweist sie wie auch im Leben für unterschiedliche Menschen auf der anderen Seite. Dies ist eine der besten Ausstellungen bei uns seit langer, langer Zeit.