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Im Visier von drei Geheimdiensten


Im Mai erschien im Moskauer Verlag „Zentropoligraf“ ein Buch von Oleg Nikiforov, verantwortlicher Redakteur der „Nesawisimaya Gazeta“, das Ereignissen Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre in Deutschland gewidmet ist. Einzelne Kapitel des Buches wurden bereits in der „NG“ unter der Rubrik „Ideen und Menschen“ und in der „Unabhängigen Militärrevue“ veröffentlicht.

Dies ist ein Thriller, der als eine Rekonstruktion historischer Ereignisse geschrieben wurde. Aber alle in ihm handelnden Personen haben real existiert, obgleich viele von ihnen bereits das Zeitliche gesegnet haben. Es geht um die Versuche von drei Geheimdiensten – des CIA, des KGB und des westdeutschen BND -, Zugang zu den Archiven der Hauptverwaltung A(ufklärung), der Auslandsaufklärung des MfS (Ministerium für Staatssicherheit) der DDR und der militärischen Aufklärung der Nationalen Volksarmee der DDR zu bekommen.

Dieses Interesse für die Kartothek des Agentennetzes war in erster Linie durch die Effektivität der DDR-Aufklärungsdienste – vor allem in der damaligen BRD und in Europa, wo sie praktisch an allen entscheidenden Schaltstellen der NATO zuverlässige Informationsquellen gehabt hatten – hervorgerufen worden. Schließlich sind Offizielle des vereinigten Deutschlands nach wie vor der Auffassung, dass eine Reihe von tief abgetauchten und getarnten Agenten der ostdeutschen Geheimdienste ihre Tätigkeit für neue Auftraggeber fortsetzen würden. Unter denen möglicherweise nicht nur die Nachfolgeorganisationen der GRU (Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije — Hauptverwaltung für Aufklärung, das leitende Zentralorgan des Militärnachrichtendienstes des russischen Militärs – Anmerkung der Redaktion) und des KGB, sondern auch der CIA sind.

Für solch eine Annahme spricht die im Buch wiedergegebene Geschichte von Klaus Kuron, einem hochrangigen Mitarbeiter der westdeutschen Gegenaufklärung, der weiter für das MfS der DDR gearbeitet und Geld für die übermittelten Informationen auch nach der offiziellen Liquidierung dieses Geheimdienstes erhalten hatte. Nicht zufällig bezeichnete der ehemalige Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz der Bundesrepublik Deutschland, Gerhard Boeden, dessen Tätigkeit als „die größte Spionage-Affäre aller Zeiten“.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Realisierung des CIA-Plans, der die Code-Bezeichnung „Rosenholz“ trug. Dieser Plan ist nach wie vor eine geheime Verschlusssache der Vereinigten Staaten. Und dies lässt einen denken, dass seine Akteure nach wie vor existieren und ihre geheimdienstliche Tätigkeit fortsetzen.

Die Hauptidee des Plans „Rosenholz“ war das Aufspüren eines „Maulwurfs“ in der CIA-Führung, durch dessen Verschulden die USA eine Reihe von Agenten in wissenschaftlichen, diplomatischen und geheimdienstlichen Strukturen der UdSSR verloren hatten. Als solch ein „Maulwurf“ wurde Aldrich Hazen „Rick“ Ames enttarnt, ein Mitarbeiter der CIA-Abteilung Gegenspionage UdSSR, der 31 Jahre lang in dem Nachrichtendienst gearbeitet hatte, gleichzeitig aber auch Agent sowjetischer (KGB) und russischer Geheimdienste war, der mit ihnen etwa neun Jahre zusammengearbeitet hatte. 1994 wurde er für schuldig wegen Spionage befunden und zu einer lebenslänglichen Haftstrafe ohne ein Recht auf Begnadigung verurteilt. Derzeit verbüßt er die Strafe in Terre Haute, im US-Bundesstaat Indiana.

Ames war im April 1985 durch einen der Leiter der KGB-Vertretung in Washington, durch Viktor Tscherkaschin, angeworben worden. Ames hatte zur Enttarnung von mindestens 25 Agenten der amerikanischen Geheimdienste unter Bürgern der UdSSR und Russlands beigetragen. Mehr als zehn von ihnen wurden durch Erschießen hingerichtet (im Zusammenhang damit erhielt Ames in den USA das Label eines „Serienmörders“). Ames wurde am 21. Februar 1994 durch FBI-Mitarbeiter festgenommen. Die Gründe für sein „Auffliegen“ sind nach wie vor nicht klar, während einige Experten die Auffassung vertreten, dass sein aufwendiger Lebensstil dank der Moskauer „Vergütungen“ ihm zum Verhängnis geworden sei und zu seiner Entlarvung geführt habe.

Einer der Wege bei der Suche nach dem „Maulwurf“ war der Zugang zur Kartothek der Auslandsaufklärung des MfS der DDR. In Langley, Virginia (ein Vorort nordwestlich von Washington, D. C.) wusste man von der engen Zusammenarbeit der Auslandsaufklärungsdienste des KGB und des MfS der DDR und hatte gehofft, durch eine Analyse des Informationsaustauschs beider Aufklärungsdienste Angaben auch zu dem „Maulwurf“ zu bekommen. Der Plan des CIA trug aber einen vielseitigen Charakter, und die Handlungen der US-amerikanischen Aufklärung in der DDR und BRD waren nur einer seiner Aspekte.

In dessen Rahmen erfolgte in der DDR eine Bearbeitung des ehemaligen Leiters des DDR-Auslandsnachrichtendienstes Markus Wolf durch den CIA, um ihn anzuwerben. Im Buch werden Details dieses Versuchs dargestellt. Dem Buch liegen Erinnerungen von Aufklärern-Kundschaftern aus der UdSSR, aus Ost- und Westdeutschland sowie den USA, Veröffentlichungen in deutschen und amerikanischen Medien sowie persönliche Beobachtungen des Autors zugrunde. Die wichtigsten handelnden Personen sind der sowjetische Mitarbeiter der Berliner KGB-Vertretung Alexander und der CIA-Agent Jim – reale Männer, die bereits verstorben sind.

Am Anfang werden Ereignisse dargelegt, die dem Zusammenbruch des Honecker-Regimes in der DDR vorausgegangen waren. Der Autor hatte an ihnen als Korrespondent der Zeitung „Trud“ in Ostberlin teilgenommen. Er führt Aussagen von Teilnehmern jener Ereignisse aus dem sowjetischen Außenministerium und der Internationalen Abteilung des ZK der KPdSU an. Den Hintergrund der Erzählung bilden der Fall der Berliner Mauer, das Wirken der letzten DDR-Regierung und die Vereinigung Deutschlands. Unter den Figuren des Buchs sind Michail Gorbatschow, Helmut Kohl und Eduard Schewardnadse, aber nicht nur die. Beschrieben wird das Ringen um die verschiedenen Varianten für eine Vereinigung Deutschlands, beginnend aber der Stalin-Note von 1952 (mit Vorschlag an die Westmächte Frankreich, Großbritannien, USA zu Verhandlungen über die Wiedervereinigung und Neutralisierung Deutschlands an – Anmerkung der Redaktion) und den Plänen von Lawrenti Beria bis zur bekannten 2-plus-4-Formel.

Ausführlich dargelegt wird die Tätigkeit der Hauptverwaltung A. Erzählt wird über Arbeitsmethoden der Geheimdienste jener Zeit. Dargestellt wird die Arbeit der KGB-Vertretung in der DDR zum Erhalt von Informationen über die Struktur, die als „Lutsch“ („Strahl“) bekannt ist. Um sie herum existiert eine Masse von Spekulationen, die oft den Charakter einer zielgerichteten Desinformation tragen. Erwähnt werden für den russischen Leser unbekannte Aspekte der Arbeit von Wladimir Putin im ostdeutschen Dresden.

Das Buch trägt einen teilweise belletristischen Charakter. Im Zusammenhang damit, dass ein Teil der Informationen nach wie vor geheim und damit unzugänglich ist, musste der Autor eine Reihe von Episoden entsprechend seinen Vorstellungen darlegen. Dies betrifft insbesondere die Methoden der operativen Tätigkeit des CIA, die Organisation des Zusammenwirkens der US-amerikanischen Geheimdienstvertretung in Bonn mit den westdeutschen Geheimdiensten und den plötzlichen Tod von Markus Wolf im November 2006.