Für die Gemeinde der Bergjuden war ein Teppich nie einfach ein utilitaristischer Gegenstand oder ein Dekorelement. Für sie ist dies eine greifbare Chronik, eine einmalige visuelle Sprache und ein überaus reiches Erbe des Volkes, das durch arbeitsame Meister bewahrt wird.
Ein Teppich begleitete jeden Bergjuden von der Geburt an bis zum Tod, wobei er eine Vielzahl von Funktionen erfüllte. Er ersetzte Möbel, wärmte die Ziegelsteinwände, diente als ein Element des Interieurs und Decke für eine Kinderwiege, er war ein obligatorischer Teil der Mitgift und wichtiges Element der Beerdigungsrituale. Während der Beisetzungszeremonie legte man den Leichnam des Verstorbenen auf ihn für die Trauerprozession. Während der Massenemigration der 1990er Jahre hatten sich die Juden, die den Kaukasus verließen, bemüht, in erster Linie Teppiche als ein Teil ihrer kleinen Heimat – mitzunehmen.
Historisch und aufgrund künstlerischer und technischer Besonderheiten unterteilt man die aserbaidschanischen Teppiche in vier geografische Hauptgruppe (Schulen), die sich wiederum in Untergruppen entsprechend den Orten ihrer Herstellung unterteilen – in die Kuba-Schirwan-Teppichschule, die Kuba-, die Schirwan-, die Baku- und andere Teppichschulen.
Im Unterschied zu den aserbaidschanischen Exemplaren sind die handgearbeiteten Teppiche aus Dagestan traditionell feinere und leichtere. Die Herstellung eines Teppichs ist stets eine überaus schwere individuelle Arbeit. Eine dagestanische Teppich-Knüpferin hat alles selbst getan – angefangen mit dem Waschen, Trocknen und Kämmen der im Frühjahr gewonnenen Wolle bis zum Spinnen und Färben der Fäden.
Begleitet wurde die Arbeit von Zusammenkünften in kleinem Kreis mit Liedern und einem Klatschen über Neuigkeiten des Dorfs. Den Gehilfinnen vertraute man nur einfache Elemente des Hintergrunds an, während sich die Hausherrin immer selbst mit den schwierigen Mustern und Motiven befassten.
Vor vielen Jahren hatten die Synagogen der Bergjuden, die als Nimaz bezeichnet werden, einen sehr bescheidenen architektonischen Schmuck. Das Hauptelement des Interieurs, das den sakralen Raum schuf, waren gerade Teppiche. Im Unterschied zu den europäischen Synagogen, in denen die Betenden auf Bänken sitzen, ließen sich in den traditionellen Gemeinden der Bergjuden Dagestans und Aserbaidschans die Gemeindemitglieder in Reihen direkt auf dem Fußboden nieder, wobei sie die Beine unter sich verschränkten. Teppiche sicherten den Gästen des Gebetshauses Komfort während der Gottesdienste.
Der Prozess der Anfertigung eines Teppichs wurde bei den Frauen der Bergjuden als eine mystische Tätigkeit angesehen. Laut Überlieferungen war die Begründerin dieses Handwerks die biblische Chava (Eva), die vom Herrn diese Gabe erhalten hatte. Bei Beginn eines komplizierten Ornaments wandte sich die Teppich-Knüpferin stets mit einem Gebet um Unterstützung an den Schöpfer. In das kaukasische geometrische oder florale Muster haben die Meisterinnen versteckte religiöse Symbole eingearbeitet.
Der Erfolg der kaukasischen Teppich-Weberei war untrennbar mit dem Anbau von Färberkrapp – einer sommergrünen, ausdauernden (mehrjährigen) krautigen Pflanze – verbunden, aus deren Wurzel man einen beständigen starken roten Farbstoff (Alizarin) gewann. Lange Zeit konzentrierte sich dieses Handwerk praktisch vollkommen in den Händen der Bergjuden, die sich in der Umgebung der Stadt Kuba (auch Quba, im Norden Aserbaidschans) und des Dorfs Tarki (Dagestan) niedergelassen hatten. Die Teppich-Artel (Artel – sozusagen eine Genossenschaft bzw. Zunft) in der Krasnaja Sloboda (Roten Siedlung) war anfangs unmittelbar im Gebäude der Synagoge „Rabi Ebei“ eingerichtet worden.
Das Dekor der wundersamen Gegenstände trug die Bezeichnung „dschuud-tscheschne“, was buchstäblich „jüdisches Muster“ oder „jüdische Zeichnung“ bedeutet. „Dschuud“ ist eine historische Bezeichnung für die Juden bei den benachbarten moslemischen Völkern des Kaukasus. „Tscheschne“ ist ein Wort persischer Herkunft, das in der Teppichherstellung des Kaukasus vielfach verwendet wird und als „Muster“, „Zeichnung“ oder „Ornament“ übersetzt wird.
Hervorzuheben sind auch die einmaligen Teppich-Hüllen für eine Tora-Rolle (Toramantel — Me’il – entsprechend der aschkenasischen Tradition), wobei aus der Wolle eines koscheren Tieres manuell die speziellen rituellen Hüllen für die Aufbewahrung der Rollen der Heiligen Schrift der Juden angefertigt wurden. Sie dienten als ein Zeichen der tiefen Verehrung der Heiligen Schrift, die mit sternenförmigen und geometrischen Ornamenten geschmückt wurden, die das Licht, die Weisheit und Ewigkeit symbolisieren.
Die traditionellen fusselfreien Teppiche der Bergjuden (unter anderem die aus reiner Wolle, die „Dschedshims“) wurden als Gebetsteppiche verwendet, aber auch im Alltag. Entsprechend dem Zustand und der Qualität des Teppichs im Haus urteilte man über den Status der Hausherren, was die Redensart belegt: „Rolle deinen Teppich aus, und ich sage, wer du bist“. Zu Hause solch ein kunstvolles Element des Interieurs zu haben, konnten sich nur wohlhabende Menschen erlauben.
Die Teppichweberei diente von alters her als ein Indikator für den Wohlstand im Nahen Osten und Kaukasus (besonders in der aserbaidschanischen und persischen Kultur), wo die Teppiche klar entsprechend sozialer Kategorien unterteilt wurden: ein Läufer und Kelim – einfache leichte Webteppiche ohne Flor, die für jeden erschwinglich sind; ein Sumach – in der Herstellung schwierigerer flach gewebter Teppich ohne Flor, mit einer glatten Oberfläche und Schussfäden aus Wolle, die höher bewertet wurden. Ja, und ein Khaltscha (Khorli/Khali) galt als der Gipfel der Teppichkunst! Ein derartiger „König“ der Teppiche mit Flor und handgefertigt, der die Häuser von Adligen schmückte, verlangte einen gewaltigen Zeitaufwand, teure Naturfarbstoffe sowie Seide oder qualitativ hochwertige Wolle.
Wie sich die alten Traditionen der Teppichherstellung in eine moderne Kunst verwandeln, konnten auf einer kürzlichen Personalausstellung des Künstlers und Sammlers Albert Rafijew im Haus der Völker Russlands Moskauer mit eigenen Augen sehen. Sein Lebens- und künstlerischer Weg hatte in der berühmten Roten Siedlung, einem jüdischen Dorf in Aserbaidschan, begonnen, wo die lebendige Verbindung der Generationen, die alten Höfe und Berge eine besondere Aufmerksamkeit der Meister für die Farbe, den Rhythmus und die religiösen Symbole ausprägen. Albert Rafijew beschäftigt sich schon fast 40 Jahre mit Teppichen, seit den 1990er Jahren.
Für ihn ist ein Teppich ein faszinierendes, entzückendes Gewebe, auf dem man Bilder malen kann, wobei man sich gedanklich zu seinen fernen Vorfahren auf den Weg macht, nach Persien, in eine authentische Welt der Antike und Schönheit. Er überträgt die Entwürfe seiner eigenen Zeichnungen auf die textile Grundlage, wobei er die aserbaidschanischen Traditionen der Teppichweberei und die geistliche Welt der Bergjuden harmonisch verbindet. Das Alltagsleben, Familienfeste, Ausgelassenheit und religiöse Feiertage, traurige Momente, Straßenmusiker sowie das Haus und der Hof der Kind sind von ihm auf der „Leinwand aus Flor“ mit besonderer Liebe und Aufmerksamkeit für die kleinsten Details festgehalten worden.
Nicht weniger bedeutsam ist auch die langjährige Sammlertätigkeit. Jahrzehnte lang hat der Meister alte aserbaidschanische Teppiche gesucht und erworben, womit er ein lebendiges Archiv über die Kultur der Bergjuden schuf. Ein großer Teil der Kollektion ist von Rafijew an das Museum der Bergjuden in der Roten Siedlung übergeben worden, an dessen Einrichtung er aktiv teilgenommen hatte.
Viele der in der hauptstädtischen Ausstellung vorgestellten Bilder und Teppiche von Albert Rafijew wurden durch ihn speziell zu jüdischen Feiertagen geschaffen, für das Ausschmücken eines Hauses oder einer Synagoge gestaltet. Er hat als erster der Teppichweber der Bergjuden begonnen, in seinen Arbeiten alle bedeutsamen jüdischen Daten darzustellen, wobei er den sechszackigen (David-) Stern und andere Symbole, die mit seinem Volk assoziiert werden, in das Ornament der Teppiche integriert. Die Namen seiner Arbeiten sind die entsprechenden – „Rosch ha-Schana“ (das jüdische Neujahrsfest), „Purim“ (eines der fröhlichsten Feste im jüdischen Kalender) und „Pessach“ (eines der wichtigsten Feste im Judentum, das an die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten und ihren Auszug in die Freiheit erinnert), „Chanukka“ (Lichterfest) und „Sukkot“ (Laubhüttenfest), „Kaparot Jom Kippur“ (Versöhnungsfest), „Schabbat schalom“ (der jüdische Ruhetag, der wöchentlich vom Sonnenuntergang am Freitagabend bis zum Einbruch der Nacht am Samstagabend dauert) und andere.