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Kiew erwartet einen russischen Einmarsch im Gebiet Cherson


Die Aufhebung der Entscheidung über die Entsendung von zwei Zerstörern ins Schwarze Meer durch das Pentagon hat scheinbar die Spannungen im Bereich der Krim und an der russisch-ukrainischen Grenze verringert. Die USA beabsichtigen jedoch nach wie vor, mit Unterstützung der NATO-Partner der Ukraine auf militärischem Gebiet zu helfen. Kiew verlegt neue Kampfeinheiten und Verbände an seine Ostgrenzen, während es gleichzeitig großangelegte Militärmanöver im Verwaltungsgebiet Cherson organisiert. Der ukrainische Verteidigungsminister Andrej Taran begründete dies damit, dass die Russische Föderation angeblich „versuchen wird, das Problem der Wasserversorgung der Krim durch einen Einmarsch und eine Besetzung des Nördlichen Krim-Kanals zu lösen“.

Neue militärische Hilfe für die Ukraine hat US-Verteidigungsminister Lloyd Austin auf einer Pressekonferenz im NATO-Hauptquartier zugesichert. Er erklärte, dass die Vereinigten Staaten weiter Militärberater in die Ukraine entsenden, aber auch neue Waffenlieferungen vornehmen würden. Austin bestätigte die Position der USA hinsichtlich der „Besorgtheit“ über die russischen Militäraktivitäten an der Grenze der Ukraine. Und auf die Möglichkeit eines militärischen Einmarschs Russlands auf das Territorium der Ukraine wies am vergangenen Mittwoch auch der CIA-Direktor William Burns hin.

Derweil ist der Sekretär des russischen Sicherheitsrates Nikolaj Patruschew der Auffassung, dass sich Kiew selbst auf offensive Gefechtshandlungen vorbereite. Zu einem Anlass für deren Beginn können seines Erachtens „von der Ukraine mit Unterstützung der USA organisierte Provokationen mit dem Tod von Militärangehörigen und dem Verlust von Kampftechnik werden“.

Militärische Aktivitäten der Ukraine sind in diesen Tagen praktisch an allen Abschnitten der Grenze zu Russland zu beobachten. Medien zitieren eine Mitteilung des Pressezentrums des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SBU), wonach Kiew unter Federführung des SBU im Osten und Süden des Landes „großangelegte, aus mehreren Etappen bestehende Antiterror-Übungen begonnen hat“. Sie erfolgen in den Verwaltungsgebieten Cherson und Kharkiv. Dabei wird die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass die militärischen Hauptkräfte und Gemeindienste Kiew im Gebiet von Cherson konzentriert habe. Dorthin sind in der vergangenen Woche „Einheiten der 95. Gesonderten Luftlande-Sturmbrigade der ukrainischen Streitkräfte zusammen mit Besatzung von Kampfhubschraubern“ verlegt worden, die bereits an Manövern an der Küste zum Schutz „vor einem Angriff von Marineinfanteristen eines angenommenen Feindes“ teilgenommen hatten. Die Fallschirmjäger werden jetzt offensichtlich auch zu den Manövern unter Führung des SBU hinzugezogen, wird in Publikationen ukrainischer Massenmedien betont.

In einer offiziellen Mitteilung aus Kiew wird darauf verwiesen, dass zu den Manövern in der Nähe der Grenze mit der Russischen Föderation außer Einheiten der ukrainischen Streitkräfte und des SBU gleichfalls „Kräfte des Staatlichen Grenzdienstes, der nationalen Polizei und des Staatsdienstes für Sondertransporte“ hinzugezogen werden. Diese Manöver, in deren Verlauf „gemeinsame regimebedingte einschränkende Maßnahmen in den Küstenortschaften der Region realisiert werden“, sollen laut Angaben des SBU bis Ende Mai dieses Jahres andauern.

Die Organisatoren der Manöver, die augenscheinlich einen möglichen Unmut der Bevölkerung voraussehen, erläuterten: „Der SBU bittet die Einwohner, Verständnis für mögliche zeitweilige Unannehmlichkeiten im Zusammenhang mit der Notwendigkeit der Abhaltung der Antiterrorübungen aufzubringen“.

„Warum wurden die Manöver in den Verwaltungsgebieten Cherson und Charkow als antiterroristische bezeichnet und warum leitet sie der SBU? Die Antwort auf diese Frage hängt augenscheinlich erstens damit zusammen, dass dort ein erheblicher prorussisch eingestellter Bevölkerungsanteil lebt und die Bevölkerung über ihre soziale und wirtschaftliche Lage unzufrieden ist. Viele ihrer Verwandten leben in Russland. Es existieren informelle Bande zwischen den Menschen“, betonte der Militärexperte und Oberst Nikolaj Schulgin. Er unterstrich, dass sich diese Stimmungen bereits im Frühjahr des Jahres 2014 offenbart hätten, als „nicht nur der Donbass eine Autonomie und Föderalisierung forderte, sondern auch andere Regionen der Ukraine. „Und zweitens hängt die Konzentrierung zusätzlicher militärischer Kräfte und Geheimdienste gerade im Gebiet von Cherson augenscheinlich mit der „Angst“ der ukrainischen Führung zusammen, den Nördlichen Krim-Kanal zu verlieren, was auch der Chef des Verteidigungsministeriums des Landes Andrej Taran klar erklärte“, meint Schulgin.

Laut Aussagen des Chefs der Hauptverwaltung für Aufklärung des ukrainischen Verteidigungsministeriums Kirill Budanow „hat Anfang März die Russische Föderation an der Grenze der Ukraine zwei Armeen der Luftstreitkräfte und der Luftabwehr entfaltet, aber auch Kräfte der Schwarzmeerflotte mit einer Gesamtstärke von 89.000 Mann. Das Zusammenziehen russischer Truppen an der Grenze der Ukraine wird wahrscheinlich bis zum 20. April abgeschlossen werden. Ihre Anzahl kann 56 taktische Bataillonsgruppen mit 110.000 Militärs erreichen“. Dabei hat, wie das ukrainische Verteidigungsministerium behauptet, „Russland gerade auf die Krim 42.000 Militärs entsandt. Und russische Kampfschiffe der Kaspi-Flottille befinden sich bereits im Asowschen Meer“.

„Solch eine Konzentration russischer Truppen an der Grenze mit der Ukraine kann natürlich Besorgnis bei den Kiewer Offiziellen auslösen. Dies hängt aber wohl kaum mit aggressiven Plänen Russlands zusammen“, meint der Militärexperte Schamil Garejew. „Schließlich erklärte der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu dieser Tage, dass dies als eine Antwort auf die Aktivitäten der USA und der NATO in der Nähe Russlands getan wird.“ Gerade im Zusammenhang damit hat Russland seinen Worten zufolge im Verlauf von drei Wochen „erfolgreich zwei Armeen und drei Verbände der Luftlandetruppen an die westlichen Grenzen verlegt“. Sie alle würden bei Manövern zum Einsatz kommen, die „innerhalb von zwei Wochen laut Plan abgeschlossen werden“.

„Die Überprüfungsmanöver werden abgeschlossen. Doch es steht da die Frage: Werden die Truppen in die „Winterquartiere“ geschickt? Dieses Thema bleibt vorerst ein offenes. Obgleich ich annehme, dass die in die südwestliche strategische Richtung verlegten Truppen bis zum Herbst auf den russischen westlichen Übungsgeländen bleiben werden, um an den strategischen Kommandostabsübungen „Zapad-2021“ („Westen-2021“) teilzunehmen“, erklärte gegenüber der „NG“ der Militärexperte, Generaloberst Jurij Netkatschjow. Er schloss nicht aus, dass möglicherweise gerade deshalb in den Medien Informationen auftauchten, wonach Russland ab dem 24. April im Zusammenhang mit Militärmanövern „für fünf Monate ein Verbot für das Passieren der Meerenge von Kertsch durch Schiffe unter ausländischen Flaggen und Militärschiffen anderer Länder verhängt“. Bisher gibt es keine offizielle Bestätigung für diese Informationen.