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Magda und ihre Kinder


Im Moskauer „Schalom“-Theater erfolgte die Premiere der Inszenierung „Magda“ nach dem gleichnamigen Bühnenstücks unseres Zeitgenossen, des britischen Dramatikers Michael Arditti (der sich wiederum dabei auf die 1999 erschienene Biografie „Magda Goebbels: Annäherung an ein Leben“ von Anja Klabunde gestützt hatte – Anmerkung der Redaktion). In der russischen Hauptstadt stellte man dieses von Olga Warschawer und Tatjana Tultschinskaja übersetzte Werk Werk erstmals auf Theaterbrettern vor. Für den Chefregisseur des Weißrussischen staatlichen Puppentheaters Jewgenij Kornjag wurde das Stück über die letzten Tage der Herrscher des Dritten Reichs im Genre eines „Wiegenliedes, das in einen Thriller übergeht“, zu einem erfolgreichen Hauptstadt-Debüt.

Die Dekorationen faszinieren durch ihren monumentalen Charakter. Lichtstrahlen lassen majestätische halb zerstörte Säulen aufleuchten. Auf dem Oberteil einer von ihnen wachsen Narzissen. All dies ähnelt antiken Ruinen (die Erinnerungen an das erste Reich – das Römische Imperium — wachrufen) in einem düsteren Raum. Doch die in ihm auftauchende kleine Figur einer ganz jungen Blondine mit einem kleinen Puppengesicht, die in einem Badeanzug ähnelnder weißer Unterwäsche gekleidet ist, sieht so aus, als ob sie sich unter der Sonne an einem Meeresufer aalt. Dies ist Eva Braun (Milana Wladykina) im Bunker Hitlers. Die Frau ist davon begeistert, dass sie endlich der Geliebte zu sich gerufen hat, und bemerkt ganz und gar nicht die Leblosigkeit des umgebenden Raums. Sie bereitet sich als gastfreundliche Hausherrin vor, hier Magda Goebbels zu empfangen.

Die Handlung erfolgt Ende April 1945. Doch im Unterschied zum Stück, entwickelt sie sich in der Inszenierung im Raum von zwei Welten – der realen und einer jenseitigen. Fast sofort tauchen auf der Bühne die Geister von sechs Juden auf (die es nicht im Stück gab), die von Faschisten umgebracht worden waren. Sie singen ein Lied vom Heimatland und lassen die (sechs) Kinder Goebbels eine Treppen heruntersteigen. Die stellen in Menschengröße angefertigte Puppen dar, die anfangs als leblose erscheinen. Schon in diesen Szenen kann man die hervorragende Arbeit der ständigen Co-Autoren von Kornjag – der Bühnenbildnerin und Gewinnerin einer „Goldenen Maske“ (der angesehenste Theaterpreis in Russland – Anmerkung der Redaktion) Tatjana Nersisjan und der Komponistin Jekaterina Awerkowa – beurteilen. Mit deren Hilfe vermochte der Regisseur, sich einerseits ideal in die Stilistik des Theaters einzufügen, andererseits in dieses etwas Neues einbringen: Noch nie hatten in Inszenierungen mit der Altersbegrenzung 18+ Puppen eine so große Rolle gespielt.

Die Geister sehen nur die Kinder, doch den Großteil der Zeit klären auf der Bühne die Erwachsenen die Beziehungen mit einander und mit sich selbst. Die elegante kaltherzige Magda (Anna Kotljar) sieht harmonisch vor dem Hintergrund der umgebenden Landschaft aus. Sie erinnert durch etwas an eine antike Statue. Diese zurückhaltende Frau ist beinahe das vollständige Gegenteil der einfältigen und impulsiven Braun. Eva ist aufgrund ihrer Verliebtheit und Beschränktheit blind und glaubt, dass Hitler eine Gegenoffensive vorbereitet. Magda ist klug, versteht richtig das ganze Geschehen und ist in den Bunker zum Sterben gekommen.

Und dennoch ist die Figur der Eva keine platte, in ihr kommen gelegentlich Wesenszüge zum Vorschein, die, wenn dies ein anderer Mensch gewesen wäre, Sympathie hätten auslösen können. Zum Beispiel das Gefühl der eigenen Würde. Ihr ist Bormann zuwider. Und sie lehnt es ab, sich mit ihm über irgendetwas zu einigen, obgleich dies ihr das Leben erleichtern würde. Und sie macht sich noch um die in den Bunker gekommenen Kinder Sorgen und redet Magda zu, sie an einen sicheren Ort zu bringen, wobei sie ihre Hilfe anbietet. Doch die widersetzt sich, wobei sie über die mit dem Gatten gemeinsame Schuld und ihre Sühne spricht.

Beide Damen vereint nur eine gewisse Verschlagenheit. Die Auschwitz mit Austerlitz verwechselnde Eva habe angeblich keine Ahnung von der Existenz der Todeslager gehabt. Es ist aber offensichtlich, dass sie einfach nichts darüber wissen wollte. Magda behauptet, dass sie zum Lebensende die Gleichheit aller Menschen begriffen habe. Doch selbst am Vorabend des Todes verbessert sie weiter die Erben entsprechend den Standards der arischen Rasse. Und dieses Fanatische erklärt zum Teil das beängstigende Finale. Obgleich viele Zuschauer, und insbesondere Zuschauerinnen, dennoch aus dem Saal mit der Frage kommen: Wie konnte man so mit den eigenen Kindern umgehen?!

Die Puppen erlauben dem Regisseur, zu der für ihn gewohnten Sprache von Metaphern überzugehen. Praktisch alle jungen Goebbels haben hier irgendeinen Defekt: Ein Mädchen hat keine Augen, ein anderes – keine Haare. Magda wählt für ihre Kinder mal eine Perücke, mal Augen der „richtigen“ blauen Farbe aus, obgleich deren künftige Besitzerin sagt, dass sie von braunen träumen würde. Und dem Sohn, der vergeblich versucht, ein ganz einfaches Gedicht zu lernen, nimmt die Mutter den oberen Teil des Kopfes ab und wühlt mit irgendwelchen Instrumenten in seinem Gehirn herum.

Aber die jungen Goebbels verhalten sich wie richtige Kinder – sie sind manchmal launische und reizende. Und hier muss man den Bühnenschauspielern – sowohl den den ständigen „Schalom“-Zuschauern bekannten Akteuren Alina Iskhakowa, Nikolaj Tarasjuk, Fjodor Bytschkow und Sofia Nesnamowa als auch den gerade erst in die Truppe aufgenommenen Absolventen des GITIS (des Moskau Staatlichen Instituts für Theaterkunst – Anmerkung der Redaktion) und des MchAT-Theaterstudios Alexej Rogow und Alina Jemez – Anerkennung zollen. Sie erlernten, ausgezeichnet die Puppen zu führen und eine Stimme zu verleihen. Und diese Darsteller spielen auch den Chor der ermordeten Juden, mit denen sich die Goebbels-Sprösslinge wie mit lebendigen unterhalten. Zum Beispiel erzählt ihnen ein Mädchen, dass der Onkel-Führer versprochen habe, ihr das Modell einer idealen Stadt zu schenken. Ihre enge Verbindung ist symbolisch, denn sie alle sind letztlich unschuldige Opfer des Faschismus.

Die Männer im Bunker aber demonstrieren sozusagen, was für unterschiedliche Menschen Hitler umgeben hatten. Goebbels (Anton Schwarz) erinnert äußerlich an seine Kinder durch eine physische Unvollkommenheit. Er hinkt leicht und trägt an einem Bein einen orthopädischen Apparat. Und im Verhalten ist der Mann karikaturhaft, zum Beispiel als er nach dem Selbstmord von Hitler zum Reichskanzler wird, sich vor Stolz aufplustert, obgleich er sich auch bald anschickt, dem Beispiel des Führers zu folgen. Goebbels tut dies im Namen der Idee.

Ja, aber der zynische und schamlose Bormann in der markanten Darstellung von Sergej Schadrin ist bestrebt, nur noch oben zu kommen. Er schätzt am meisten das Leben und hat daher auch die eigenen zahlreichen Kinder an einen sicheren Ort geschickt und versucht auf jegliche Weise, seine Haut zu retten.

Der dritte Held, der zurückhaltende Doktor (Ludwig) Stumpfegger (Pawel Schingarjow), der in Magda verliebt ist, teilt auch die Ideen des Nazismus, hat aber nicht vor, sich für sie zu opfern.

Das Auftauchen von Hitler an sich (Anton Ksenjew) auf der Bühne ist gruselig und effektvoll. Die durch Gegenlicht erhellte dunkle gebückte Silhouette taucht buchstäblich für wenige Minuten auf und nimmt für immer Eva mit sich, deren Traum kurz zuvor wahr geworden war – der Geliebte hat sie geheiratet.

Während der Handlung sind nicht nur periodisch Explosionsgeräusche zu hören, an die sich die Personen offenkundig schon gewöhnt haben, sondern gehen sowohl eine Treppe als auch die Säulen zu Bruch. Das Dritte Reich geht episch unter. Und als eine Gesetzmäßigkeit erscheint, dass der Chor näher zum Ende der Aufführung ein Lied über das Licht singt, auf das er so wartet.

Und im Finale legt die Gift eingenommene Magda eine Brüste darstellende Auflage an und beginnt, symbolisch die Kinder an sie zu drücken, denen sie bereits ein Schlafmittel gegeben hat. Und ihre von ihnen Abschied nehmende Zärtlichkeit ist entsetzlicher und ausdrucksstärker als jegliche Verzweiflung.

P. S.

Das Moskauer Theater „Schalom“ (https://shalom-theatre.ru/) kann auf eine mehr als 100jährige Geschichte zurückblicken, obgleich mit Unterbrechungen. Seit 1988 trägt es den Namen Moskauer jüdisches Theater „Schalom“, das heute von Oleg Lipowezkij geleitet wird. Unter seiner Führung erhielt die Truppe im Jahr 2022 nach langen Jahren mit Auftritten auf unterschiedlichsten hauptstädtischen Bühnen, aber ohne eine Aktualisierung des Repertoires ihr ursprüngliches Haus an der Warschawskoje-Chaussee zurück. (Die Rekonstruktionsarbeiten hatten sich über Jahre hinweg verzögert.) Und damit begann auch eine Rückkehr des Theaters in das bewegte und mannigfaltige Theaterleben Moskaus mit Erfolgen und Anerkennung. Die nächsten Aufführungen von „Magda“ sind für den 11. und 12. November geplant.