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Moskau hat eine nukleare Antwort auf die Androhung von Schlägen vom Territorium der NATO aus


In Russland haben Manöver zur Vorbereitung und für einen Einsatz von nuklearen Kräften begonnen, was mit der Eskalation des Ukraine-Konflikts, in den Kiew immer stärker die Länder des Baltikums hineinzieht, zusammengefallen ist. Der russische Dienst für Auslandsaufklärung (DAA) wies auf die Möglichkeit von Schlägen ukrainischer Drohnen vom Territorium lettischen Militärstützpunkte aus hin, wo bereits angeblich Militärs der Drohnen-System-Truppen der Streitkräfte der Ukraine konzentriert worden seien. Dabei betonte der DAA (auch: SWR gemäß der russischsprachigen Abkürzung) in der gewohnten Art und Weise die Unausweichlichkeit einer „gerechten Vergeltung“, selbst ungeachtet der NATO-Mitgliedschaft Lettlands. Gemäß der Nuklear-Doktrin der Russischen Föderation sei ein Antwortschlag unter anderem unter Beteiligung der Nuklear-Streitkräfte möglich, wenn solch eine Aggression direkt großangelegt die Sicherheit der Russischen Föderation bedrohe.

Der von Sergej Naryschkin geleitete DAA hat die Schlussfolgerung gezogen, dass „Kiew nicht beabsichtigt, sich auf eine Nutzung der Luftkorridore zu beschränken, die die Länder des Baltikums den Streitkräften der Ukraine zur Verfügung stellten“. „Geplant ist, Drohnen gleichfalls von den Territorien dieser Staaten aus zu starten. Gesetzt wird dabei darauf, dass solch eine Taktik erheblich die Anflugzeit bis zu den Zielen verringern und die Effektivität der terroristischen Attacken erhöhen wird“, betonte der Auslandsgeheimdienst in seiner entsprechenden Presse-Mitteilung am Dienstag.

Nach Meinung von Militärexperten seien die Drohnen, die Moskau in der Nacht zum vergangenen Sonntag und am 19. Mai attackierten und versucht hätten, Schläge gegen Industriegebiete in den Verwaltungsgebieten Leningrad und Jaroslawl zu führen, vom Westen her angeflogen. Über das Bestehen eines „Drohnen-Korridors“ über den Ländern des Baltikums spricht nicht nur der DAA. Dies belegen Fakten einer Präsenz von Drohnen der ukrainischen Streitkräfte in deren Luftraum.

Die lettische Eisenbahn informierte am 19. Mai über eine Unterbrechung des Zugverkehrs im östlichen Grenzgebiet des Landes bis zur Beendigung des Signals über eine Gefahr aus der Luft. Dies erfolgte bald nach der Vernichtung einer ukrainischen Drohne über Estland. Dabei dementierte Lettlands Außenministerium Baiba Braže die Meldungen über das Existieren von Brückenköpfen in Lettland für Schläge gegen die Russische Föderation.

Wie gefährlich Lettland ist, wo regelmäßig Drohnen der Streitkräfte der Ukraine auftauchen und von wo aus laut Angaben offizieller Strukturen und Medien Attacken gegen das russische Territorium erfolgen, werden Nachforschungen zeigen. Derweil werden die Manöver der Nuklearstreitkräfte, die in der Russischen Föderation am Dienstag begonnen haben, in dieser Hinsicht als ein zusätzlicher zügelnder Faktor sein.

Laut Informationen des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation erfolgen die Manöver zur Vorbereitung und den Einsatz der Nuklearstreitkräfte unter Bedingungen der Gefahr einer Aggression bis einschließlich 21. Mai erfolgen. Im Unterschied zu derartigen Manövern der vergangenen Jahre haben sie eine Reihe von Besonderheiten, die mit der geopolitischen Situation an den Westgrenzen Russlands zusammenhängen.

Den Zielen und der Absicht der Manöver nach zu urteilen, werden in deren Verlauf nukleare Schläge nicht als eine Antwort auf eine Aggression, sondern unter den Bedingungen nur deren Androhung trainiert. Gemäß den im November 2024 aktualisierten „Grundlagen der staatlichen Politik der Russischen Föderation auf dem Gebiet der nuklearen Zügelung“ kann Russland präventiv einen nuklearen Schlag führen. Dies sei entsprechend dem Dokument nicht nur bei einer direkten nuklearen Bedrohung möglich, sondern auch bei einer kritischen Bedrohung für die Souveränität Russlands unter Einsatz konventioneller Waffen. Unter bestimmten Bedingungen können die ukrainischen Drohnen solch eine Gefahr darstellen, die vom Territorium der Länder des Baltikums gestartet werden können.

Außerdem kann man aus den Mitteilungen des russischen Verteidigungsministeriums die Schlussfolgerung ziehen, dass nicht nur die Strategischen Nuklearstreitkräfte (SNS) zur Teilnahme an den Manövern der Nuklearstreitkräfte hinzugezogen werden. Zu den SNS gehören die strategischen Raketentruppen, die weitreichenden Luftstreitkräfte und Kräfte der Kriegsmarine – die Nordmeer- und die Pazifik-Flotte, in deren Bewaffnung sich Atom-U-Boote befinden. Aber neben ihnen gibt es die sogenannten nichtstrategischen Nuklearstreitkräfte, die mit taktischen Nuklearwaffen bewaffnet sind.

Im Leningrader und im Zentralen Militärbezirk gibt es Truppenteile und Verbände, die taktische Nuklearwaffen einsetzen können. Möglich ist dies durch die Nutzung von Kampfflugzeugen (zum Beispiel zwecks Schläge mit „Kinshal“-Raketen (deutsch: „Dolch“), weitreichenden Raketensystemen des Typs „Iskander“, „Kaliber“ oder „Oreschnik“ (deutsch: „Haselnussbaum“), aber auch mit Artilleriewaffen.

Laut Angaben des russischen Verteidigungsministeriums sollen Fragen einer gemeinsamen Vorbereitung und eines gemeinsamen Einsatzes der Kernwaffen durch Moskau und Minsk trainiert werden, die auf dem Territorium von Weißrussland stationiert worden sind. Und dort sind, wie laut offiziellen Angaben bekannt ist, gerade taktische Kernwaffen stationiert worden. Als deren Trägermittel können nach Aussagen des russischen Präsidenten Wladimir Putin die im Jahr 2023 an Minsk übergeben zehn Kampfflugzeuge und operativ-taktischen „Iskander“-Raketenkomplexe dienen.

Die Trainings unter Verwendung der taktischen Kernwaffen in Weißrussland sind notwendig, da an der Westgrenze des Unionsstaates eine Eskalation der Spannungen zu beobachten ist. Litauens Außenminister Kęstutis Budrys erklärte, dass die NATO über Möglichkeiten für die Führung eines Schlages gegen russische Militärobjekte in Kaliningrad im Bedarfsfall verfüge. „Wir müssen den Russen zeigen, dass wir zu dieser kleinen Festung durchbrechen können, die sie in Kaliningrad errichteten. Die NATO hat Mittel, um bei Bedarf die russischen Stützpunkte der Luftverteidigung und die Raketenkomplexe dem Boden gleich zu machen“, sagte Budrys.

Solche Aggressoren stoppt nur Stärke. Sowohl Litauen als auch die anderen NATO-Länder sollen wissen, dass Russland natürlich antworten wird. Und die jetztigen Manöver der Nuklearstreitkräfte sind eine Demonstration unserer Möglichkeiten“, sagte der „NG“ der Militärexperte, Veteran der Strategischen Raketentruppen und Oberst im Ruhestand Nikolaj Schulgin.

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Die Manöver Russlands und Weißrusslands und die sie begleitenden Ereignisse kommentierten auch Autoren russischer gesellschaftspolitischer Telegram-Kanäle. „Die gemeinsamen russisch-weißrussischen Manöver mit einem Training des Einsatzes von Nuklearstreitkräften sind durch zwei Momente interessant“, betont „Meister“ (https://t.me/maester). „Der erste ist der Zeitraum. Üblicherweise führt man die strategischen Manöver mit einem Einsatz strategischer Nuklearwaffen in Russland im Herbst durch. Der zweite ist der Maßstab. Gleichzeitig acht mit Raketen bestückte U-Boote hat man sicherlich seit den Zeiten der frühen 1980er nicht bei derartigen Manövern eingesetzt. In Verbindung mit den anderen Elementen – 200 bodengestützte Startanlagen, über 140 Flugzeuge und Hubschrauber, 73 Schiffe, fünf Mehrzweck-Schiffe – kann davon gesprochen werden, dass die Manöver sowohl hinsichtlich des Zeitpunkts der Durchführung als auch hinsichtlich des Maßstabs beispiellos sind, was erlaubt, über sie wie über ein politisches Signal zu sprechen. Und dieses Signal ist mit aller Bestimmtheit eine Antwort auf die erneuten überzogenen NATO-Erwartungen hinsichtlich eines „Sieges auf dem Gefechtsfeld“ und der faktischen Involvierung einiger Länder des Blocks in den Krieg, vorerst im Format einer Bereitstellung des eigenen Luftraums für ein Überfliegen durch Drohnen“.

Der Maßstab der Manöver übersteigt erheblich die durchschnittlichen langjährigen Background-Parameter für solche Veranstaltungen“, vermutet „Adäquat“ (https://t.me/politadequate). „Alle Beteiligten begreifen klar wie nie zuvor, dass die heutige Grenze zwischen Manövern und eines Gefechtseinsatzes erneut wie nie zuvor eine feine ist. Und insgesamt muss man sich gegenüber den Manövern gerade wie zu einem sorgfältigen Training der praktischen Handlungen für den Fall, wenn das Leben dazu zwingt, verhalten. Und es muss durch die Tat die Gewissheit bestätigt werden, dass die Starts, wenn für sie das Kommando erfolgt, ordnungsgemäß erfolgen, mit den für die Ziele jeglicher Klasse vorgegebenen Folgen“.

In Europa gibt es nach wie vor Kräfte, die an einer maximalen Zuspitzung der Beziehungen mit Russland und ergo auch an einer Beibehaltung einer ständigen Spannung um die überaus wichtige russische Stadt im Herzen Europas interessiert sind. Daher beginnen, wenn begonnen wird, über Kaliningrad zu sprechen, die Worte der Spitzenvertreter der verschiedenen baltischen Limitrophen (Nachbarstaaten) klar nach einer Provokation zu stinken“, schrieben die Autoren des Kanals „Myusli vsluch“ (https://t.me/mysly).

P. S.

Die Überführung der Verbände und Truppenteile für einen Einsatz von Kernwaffen in die höchste Gefechtsbereitschaft sei bei den Manöver trainiert worden, teilte man am Mittwoch im russischen Verteidigungsministerium mit. Und man erinnerte daran, dass immerhin fast 65.000 Militärs an diesen teilnehmen würden. „Durch den Personalbestand der Raketenverbände werden Trainingsgefechtsaufgaben für den Erhalt spezieller Munition für den operativ-taktischen Raketenkomplex „Iskander-M“, Ausrüstungen von Raketenträgern durch sie und verdeckte Bewegungen zum vorgegebenen Positionsraum zwecks Vorbereitung der Vornahme von Raketenstarts erfüllt“, hieß es in einer entsprechenden Pressemitteilung des Ministeriums. „Gewährleistet wurde die Lieferung nuklearer Munition zu Feld-Lagerungspunkten der Positionsräume der Raketenbrigaden“. Ein entsprechendes Video des Verteidigungsministerium zeigte Bewegung von Fahrzeugen und der Luftstreitkräfte. Und gleichfalls waren „Iskander“-Komplexe zu sehen, die in Positionsräumen bewegt und für einen Start vorbereitet wurden. Verständlicherweise verfolgt man in der NATO aufmerksam das Geschehen, wie auf eine entsprechende Anfrage der Generalsekretär der Allianz Mark Rutte erklärte. Welche Schlussfolgerungen gezogen werden, wird wohl die nächste Zukunft zeigen.