Die elf zu den Duma-Wahlen zugelassenen politischen Parteien haben an der Auslosung zur Verteilung der Plätze auf dem Wahlzettel für die Wahlen zur Staatsduma teilgenommen. Erstmals seit über einem Vierteljahrhundert gelangte die regierenden Partei wieder auf den ersten Rang. In einer vorteilhaften Position befinden sich „Jabloko“ und die LDPR, die ihr folgen. Weniger vorteilhaft sieht das Ende des Wahlzettels mit der Partei „Neue Leute“ aus. In der wohl anfälligsten Lage befindet sich die KPRF. Nicht viel Glück hatte auch „Gerechtes Russland“. Experten betonen, dass die Reihenfolge auf dem Wahlzettel die Willensbekundung von 10 bis 15 Prozent der an die Wahlurnen kommenden Bürger beeinflussen könne.
In der Zentralen Wahlkommission hat am 5. August die Zeremonie zur Auslosung der Plätze der Parteien auf dem Wahlzettel stattgefunden. Diese erfolgte im Atrium der Kommission, in dessen Mitte ein Tisch mit einer großen Glaskugel stand, in der sich Plastikbälle mit Nummern – von 1 bis 11 – befanden. Moderiert hat das Drehen der Kugel durch Vertreter der zu den Staatsduma-Wahlen zugelassenen Parteien die Kommissionschefin Ella Pamfilowa. Die Teilnehmer der Zeremonie wurde in der Reihenfolge an den Tisch gebeten, in der sie die Registrierung zu den Wahlen durchlaufen hatten.
Die Plätze auf dem Wahlzettel sah nach der Auslosung so aus: „Einiges Russland“, „Jabloko“, LDPR, Partei einer direkten Demokratie, „Grüne“, „Gerechtes Russland“, „Rodina“, KPRF, Partei der Rentner, „Kommunisten Russlands“ und „Neue Leute.
Die KPRF war als erste registriert worden, doch hat ihr dies keinen Erfolg beschert. Der Staatsduma-Abgeordnete und Sekretär des ZK der KPRF Alexander Juschtschenko (der früher den Pressedienst der Partei geleitet hatte – Anmerkung der Redaktion) zog die Nummer 8. Pamfilowa munterte daraufhin den Kommunisten auf, indem sie betonte, dass die 8 das Zeichen der Unendlichkeit sei. Danach trat der Chef der Partei „Neue Leute“ Alexej Netschajew an, der eingestand, dass seine Lieblingsziffer die 1 sei, und zog da die Zahl 11. Er betonte: „Unser Wähler ist ein kluger, er weiß, dass „man in Russland lange leben muss“. Und daher werden sie (die Wähler – Anmerkung der Redaktion) kommen und gucken“.
Der Senator des Föderationsrates (und dreimalige Olympiasieger im klassischen Ringen – Anmerkung der Redaktion) Alexander Karelin von der Kremlpartei „Einiges Russland“ zog die Nummer 1, wobei er sagte: „Wir haben uns all die fünf Jahre und gar 25 Jahre (darauf) vorbereitet“. Pamfilowa merkte an, dass „Einiges Russland“ erstmals auf den ersten Platz komme, wenn sie ihre Erinnerungen nicht im Stich lassen.
Von der LDPR trat der Veteran der militärischen Sonderoperation Dmitrij Shirkow an die Lostrommel, der die Nummer 3 zog. „Gerechtes Russland“ repräsentierte die Staatsduma-Abgeordnete und Ex-TV-Moderatorin Marina Kim, die nach dem Ziehen der Nummer 6 daran erinnerte, dass ihre Partei schon vor fünf Jahren auf diesen Platz gekommen sei. Sie merkte an, dass das vergangene Mal die Nummer der Partei einen Sieg gebracht hätte.
Der Sekretär des ZK der Partei „Kommunisten Russlands“ Ruslan Chugajew zog die Nummer 10, wobei er scherzte, dass er „einen Volltreffer erzielt“ habe. Der Chef der Partei der Rentner Erik Prasdnikow erklärte „Ich drehe, rotiere und möchte dem Land ein normales Leben“ und zog die Nummer 9. Ja, und „Jabloko“-Chef Nikolaj Rybakow, dem verboten wurde, aufgrund des Paragrafen 20.3 des Ordnungsstrafrechts (Demonstration extremistischer Symbolik) zu kandidieren, merkte ohne ein Drehen der Lostrommel an, dass nur jene Zahlen geblieben seien, die ihm recht seien, und zog die Nummer 2. Daraufhin erklärte der „Jabloko“-Vertreter: „Wir haben das gezogen, was wir wollten. Und jetzt wollen wir reale Wahlen. Die Wahl ist jetzt solch eine – entweder „Einiges Russland“ oder „Jabloko“.
Die Vorsitzende der Partei einer direkten Demokratie Tatjana Kolnaus zog die 4. Und der Nummer 1 des gesamtföderalen Teils der Kandidatenliste der Partei „Die Grünen“ und Abgeordneten des Petersburger Stadtparlaments Marina Schischkina blieb die Kugel mit der Nummer 5.
Bald nach der Auslosung tauchten Informationen auf, wonach der Vorsitzende von „Gerechtes Russland“ Sergej Mironow in einem offenen Brief das Justizministerium und die Generalstaatsanwaltschaft aufrief, „sich aufmerksam die Partei „Jabloko“ und deren Spitzenvertreter anzuschauen und so schnell wie möglich eine rechtliche Bewertung für deren Handlungen abzugeben sowie nicht zuzulassen, dass die Partei die Wahlkampfagitation für antirussische Zwecke ausnutzt“. Und KPRF-Chef Gennadij Sjuganow schloss sich am Donnerstag der Kritik an der Partei „Jabloko“ an, wobei er erklärte, dass sie nicht die Politik für eine Stärkung der Staatlichkeit unterstütze und unter den Bedingungen der militärischen Konfrontation nicht ein einziges Mal mit einer „Verurteilung der Verbrechen des Kiewer Regimes“ aufgetreten sei. (Es ist daher nicht auszuschließen, dass in der überschaubaren Zukunft der Druck auf die Partei „Jabloko“ und deren Kandidaten erhöht wird. — Anmerkung der Redaktion)
Der Leiter der Politischen Expertengruppe Konstantin Kalatschjow betonte derweil gegenüber der „NG“, dass die erste Nummer auf dem Wahlzettel den Parteien stets einen Vorteil verschafft hätte. „Es prägen sich der erste und der letzte ein“, erinnerte der Experte. Und da hätten die Kommunisten Glück gehabt, dass sie vor ihren Spoilern in Gestalt der „Kommunisten Russlands“ gekommen sind. Unter den glücklichen ist auch die LDPR geblieben, da man der (Führungs-) Troika in Russland stets sakrale Bedeutung beigemessen hätte. Vom Prinzip her würden beinahe alle ungeraden Zahlen mit Ausnahme der 9 (Partei der Rentner) wie glückliche aussehen. Die 5 ist die beste Bewertung (in russischen Schulen und in Hochschulen) und fiel den „Grünen“ zu. Die 7 halten einige für eine magische Zahl (die erhielt „Rodina“). Als erfolgloseste sehen aus der Sicht der Psychologie die geraden Zahlen aus – 2 für „Jabloko“, 6 für „Gerechtes Russland“, 8 für die KPRF und 10 für die „Kommunisten Russlands“.
Kalatschjow betonte, dass die Nummer 1 auf dem Wahlzettel als ein gewisses sakrales Symbol diene, da eine Vielzahl von Menschen eine Entscheidung zur Abstimmung am letzten Tag treffen würde. Und während in Russland rund 50 Prozent der Bürger keine Anhänger konkreter Parteien seien, könnten sie aus zwei, drei auswählen, könnten sich etwa 10 bis 15 Prozent erst im Wahllokal festlegen. Und hier würden die Listenplätze der Parteien einen Vorteil verschaffen oder hinfällig machen. Folglich würden sich die Kommunisten und „Gerechtes Russland“ auf einem ungünstigen Platz befinden.
Der Experte erklärte die Aktivität Mironows gegen „Jabloko“ mit dem Versuch, zur Rhetorik eines Turbo-Patriotismus zurückzukehren, der der Partei früher keine Erfolge gebracht hatte. „Solch eine Taktik gießt jedoch Wasser auf die Mühlen von „Jabloko“, für die alles eine Reklame ist, außer ein Nekrolog. Und ein Nekrolog ist eine Nichtteilnahme an den Wahlen“, unterstrich Kalatschjow.
Der Leiter des Zentrums für eine Entwicklung der Regionalpolitik Ilja Graschtschenkow erläuterte der „NG“, dass, obgleich die Nummer einer Partei auf dem Wahlzettel nicht den Ausgang der Wahlen bestimme, selbst eine geringe Wirkung der Position bei einer harten Konkurrenz Bedeutung haben könne. „Es geht vor allem nicht um den Kern der Parteiwähler, sondern um die schwankenden Bürger, die eine endgültige Entscheidung unmittelbar im Wahllokal treffen“, sagte er.
In der komfortabelsten Situation befindet sich „Einiges Russland“. „Die erste Zeile (auf dem Wahlzettel) entspricht dem Status der Hauptpartei des Systems und erlaubt, eine maximal einfache Kommunikation mit dem Wähler zu gestalten. Überdies ist auch ein Teil der Menschen, die keine festen Vorlieben haben, wirklich geneigt, die erste erkennbare Variante zu wählen“, erläuterte er. Dabei ist sich der Experte sicher: Die Nummer 2 könne „Jabloko“ helfen. „Die Partei erhält einen unproportional sichtbaren Platz hinsichtlich ihres aktuellen politischen Gewichts. Für den Wähler, der nicht für „Einiges Russland“ stimmen will, sich aber schlecht in der Liste der teilnehmenden Parteien orientiert, wird sich „Jabloko“ als erstes alternatives Angebot erweisen. Dies kann der Partei zusätzliche Stimmen der situativen Protestwählerschaft einbringen“, unterstrich der Politologe.
Ja, aber die LDPR mit der Nummer 3 könne dagegen riskieren, im Schatten der ersten zwei Zeilen bleiben. „Formal ist dies der oberste Teil des Wahlzettels. Visuell ist die Partei aber zwischen der wichtigsten Systemmarke und der ersten oppositionellen Alternative eingezwängt. Die Nummer verschafft der LDPR kein eigenständiges Bild und wird kaum zu einem spürbaren Vorteil werden. Die Partei muss nicht entsprechend der Position, sondern nach dem Namen und dem Logo gesucht werden“, erläuterte Graschtschenkow.
Nach seiner Meinung sehe die Mitte des Wahlzettels für die Partei einer direkten Demokratie, die „Grünen“, „Gerechtes Russland“ und „Rodina“ neutral aus. „Hier gibt es keinen expliziten Bonus. Es gibt aber auch kein Risiko, vollkommen unbemerkt zu bleiben. Für diese Parteien sind die Wiedererkennbarkeit der Kandidaten, die Aktivität der Kampagne und das Vorhandensein einer eigenen mobilisierten Wählerschaft wichtiger“.
Die schwierigste Konfiguration habe sich an der linken Flanke ergeben. Die KPRF liegt auf Platz 8. Und gleich nach ihr folgen die Partei der Rentner und die „Kommunisten Russlands“. „Für den überzeugten kommunistischen Wähler wird dies zu keinem Problem. Doch unter den betagten Bürgern und jenen, die entsprechend dem allgemeinen Namen oder der Symbolik stimmen, ist eine Verwirrung wahrscheinlich. Im Ergebnis dessen kann ein Teil der Stimmen für die KPRF zwischen den benachbarten Parteien aufgeteilt werden“, betonte der Experte.
Die letzte Zeile auf dem Wahlzettel für die Partei „Neue Leute“ muss sich nicht unbedingt als ein Mangel erweisen, sondern als ein eigenständiges politisches Bild. „Früher befand sich ganz unter auf dem Wahlzettel die Zeile „gegen alle“. Daher ist der letzte Listenplatz nach wie vor symbolisch mit einer Protest- oder einer die alte Wahl ablehnenden Abstimmung verbunden“.
Die „Neuen Leute“ könnten sich gerade an solch einen Wähler wenden. Nachdem er sich alle gewohnten Parteien angesehen und unter ihnen nicht seine Variante gefunden hat, wird er bis zur letzten Zeile gehen“, erläuterte Graschtschenkow. Nach seinen Worte bleibe die Nummer 11 einem leicht im Gedächtnis und erlaube, eine separate Agitationsmechanik zu gestalten. „Alle alten Parteien stehen oben, die neuen am Ende“. Für das Publikum, das die „Neuen Leute“ als eine Alternative zum traditionellen politischen System auffasst, könne solch eine Lage gar das Positionieren verstärken.
„Insgesamt beeinflusst die Auslosung vor allem die Wähler des letzten Tages, die zwischen zwei, drei Parteien schwankenden und jene, die ohne eine endgültige Entscheidung zur Abstimmung kommen. Für die großen Parteien sind die Zehntel eines Prozentpunktes, für die kleinen und am Rande stehenden Teilnehmer eine potenziell wichtige Ressource. Doch keinerlei glückliche Nummer wird eine inhaltsreiche Kampagne, ein wiedererkennbares Bild und die Fähigkeit, seinen Anhänger ins Wahllokal zu bringen, ersetzen“, sagte Graschtschenkow.
Es sei angemerkt, dass im Jahr 2021 die Nummer 1 auf dem Wahlzettel die KPRF gewesen war (und damals auf einen Rekord der letzten Jahre mit 18,93 Prozent der Stimmen kam). Im Jahr 2016 war zur Nummer 1 „Rodina“ geworden (was der Partei ganze 1,51 Prozent eingebracht hatte). Im Jahr 2011 war „Gerechtes Russland“ die Nummer 1 auf dem Wahlzettel und holte das beste Ergebnis für die Partei (13,25 %). Im Jahr 2007 ward dies die bereits nicht mehr existierende Agrarpartei Russlands (2,31 %). Im Jahr 2003 die Demokratische Partei Russlands (0,22 %). Den Platz 1 auf dem Wahlzettel im Jahr 1999 hatte der Vorgänger von „Einiges Russland“, der Block „Einheit“ (inoffiziell „Der Bär“ — 23,32 %) eingenommen.