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Nach US-Operation in Venezuela — Ohnmacht, Sarkasmus und auch eine gewisse Begeisterung in Moskau


Es hat Russland wie eine kalte Dusche erwischt, die Militäroperation US-amerikanischer Spezialkräfte gegen den Präsidenten Venezuelas, Nicolás Maduro, die kurz nach Mitternacht in Caracas durchgeführt wurde. Mehrere Objekte waren am Samstag in der venezolanischen Hauptstadt mit Raketen angegriffen sowie das 63jährige Staatsoberhaupt mit seiner Gattin festgesetzt und außer Landes gebracht worden. Moskau hatte natürlich lange und aufmerksam die Situation um das lateinamerikanische Land verfolgt, warnte vor einer Eskalation und machte sich Sorgen um den Öltanker „Bella 1“, zu dessen Crew auch Russen gehören, von der amerikanischen Küstenwache verfolgt wurde und kurz vor dem Jahreswechsel unter dem neuen Namen „Marinera“ mit Heimathafen Sotschi im Schiffsregister Russlands auftauchte. Der Tanker steht auf einer amerikanischen Sanktionsliste, da er iranisches Erdöl transportiert hatte.

Ja, und nun haben die Vereinigten Staaten innerhalb von 30 Minuten eine neue Realität in Venezuela geschaffen, das mit Russland am 7. Mai 2025 ein Abkommen über eine strategische Partnerschaft für zehn Jahre abgeschlossen hatte. Nur dieses Dokument sieht keinerlei gegenseitige Militärhilfe für den Fall eines bewaffneten Konflikts, ausgelöst durch einen Drittstaat, vor. Es herrscht in Moskau daher eine gewisse Ohnmacht, die nur mühsam mit Statements aus dem Außenministerium kaschiert wird. Schließlich war und ist Caracas ein enger Partner Moskaus in Lateinamerika und leistet auch mit dem Segen Russlands wichtige Hilfe für Kuba, das derzeit eine extrem schwere Wirtschaftskrise – nicht nur aufgrund der US-Blockade der Karibikinsel — durchmacht. Laut einigen Informationen bezieht die kubanische Energiewirtschaft rund 40 Prozent des Erdöls für die Stromerzeugung.

Die Samstag-Erklärung aus dem russischen Außenministerium verurteilen das Vorgehen der USA gegen Venezuela. „Die Vorwände, die als Grundlage für solche Handlungen angeführt werden, sind haltlos. Die ideologisierte Feindseligkeit hat die Überhand über einen sachlichen Pragmatismus und die Bereitschaft, Beziehungen eines Vertrauens und einer Voraussagbarkeit zu gestalten, erlangt“, heißt es in der ersten offiziellen Reaktion aus Moskau. „In der entstandenen Situation ist es vor allem wichtig, keine weitere Eskalierung zuzulassen und sich auf das Finden eines Auswegs aus der Situation durch einen Dialog einzustellen. Wir gehen davon aus, dass alle Partner, die Beanstandungen gegeneinander haben, Wege für eine Lösung der Probleme über Dialogformen suchen müssen. Wir sind bereit, sie dabei zu unterstützen.“

Nachdem zwischenzeitlich im russischen Staatsfernsehen angezweifelt wurde, dass die US-Spezialeinheiten Nicolás Maduro und dessen Gattin festgesetzt hätten, musste am Samstagabend diese Tatsache anerkannt werden. Dementsprechend änderte sich auch die Rhetorik. „Wir rufen entschieden die amerikanische Führung auf, die gegenwärtige Position zu revidieren und den legal gewählten Präsidenten des souveränen Landes und dessen Gattin freizulassen“, hieß es in einer dritten Erklärung des Außenministeriums am Samstag. Dies vermeldete gleichfalls ein Telefonat von Minister Sergej Lawrow mit der venezolanischen Vizepräsidentin Delcy Rodríguez, in dessen Verlauf Lawrow eine entschlossene Solidarität mit dem Volk Venezuelas angesichts der bewaffneten Aggression bekundete.

In Moskau reagierte man auch anders. Es gab sarkastische Äußerungen, aggressive Worte und sogar Würdigungen für das Vorgehen der Vereinigten Staaten. Putins Sondervertreter bei den Ukraine-Talks mit den Amerikanern, Kirill Dmitrijew, erklärte laut der staatlichen Nachrichtenagentur TASS: „Es ist der Moment gekommen, an dem Doppelstandards im realen Leben beobachtet werden müssen“. Als Beispiel führte er das Schweigen der Präsidentin der Europäischen Kommission, von Ursula von der Leyen an, die nach seinen Worten „eine Plaudertasche und voller Enthusiasmus, aber in Bezug auf Venezuela eine absolute leise“ sei. Russlands Ex-Präsident und nunmehriger stellvertretender Sekretär des Sicherheitsrates, Dmitrij Medwedjew, nahm sich derweil kein Blatt vor den Mund und formulierte im Telegram-Kanal des Auslandssenders RT recht aggressive Gedanken. „Ein  ausgezeichnetes Beispiel für das Friedensstiften der USA. Eine brutale Militäroperation in einem unabhängigen Land, das den Vereinigten Staaten mit nichts gedroht hatte. … Kurz gesagt: Noch ein glänzender Schritt zum (Friedens-) Nobel (-Preis)“. Der „Falke“ nutzte das Vorgehen Washingtons gegen Caracas gleichfalls für eine verbale Attacke gegen Kiew. „Тrump hätte solch eine Aktivität wie hinsichtlich Venezuelas an einer ganz anderen Stelle demonstrieren müssen. Die dressierten ukrainischen Tiere, die in Kiew auf Koks (gemeint ist Kokain) sitzen, haben gänzlich über die Stränge geschlagen. Und haben aufgehört, dem Herrn des Chapiteau zu gehorchen.“ Freilich lässt das Fazit Medwedjews aufhorchen: „Die Operation in Caracas wurde zum besten Beweis für die Tatsache, dass jeder beliebiger Staat seine Streitkräfte auf maximale verstärken muss, ohne den verschiedenen reichen Unverschämten zu erlauben, einfach die Verfassungsordnung auf der Suche nach Erdöl oder irgendetwas anderem zu ändern“. Und eine maximale Verstärkung, die garantiert, dass das Land zuverlässig schützt, würde nur ein nukleares Arsenal darstellen. Daher die Schlussbemerkung: „Hoch leben die Kernwaffen!“.

Russische Militärblogger kommentierte natürlich auch die Samstag-Ereignisse in und um Caracas. Auffällig dabei – die würdigenden Worte. Der Telegram-Kanal „Militär-Informant“ bezeichnete die Operation der amerikanischen Spezialkräfte als eine „wirklich maßstabsetzende militärische Sonderoperation mit begrenzten Zielen“ (https://t.me/swodki/551249). Der Telegram-Kanal „Zwei Majore“ schrieb, dass die amerikanische Militäroperation in Venezuela sehr klug durchgeführt worden sei. Und konstatiert: „Sicherlich war unsere militärische Sonderoperation nicht so konzipiert worden. Schnell, wirkungsvoll und resultativ. Gerassimow (Russlands Generalstabschef – Anmerkung der Redaktion) hatte wohl nicht geplant, vier Jahre Krieg zu führen“ (https://t.me/dva_majors/86122). Der von einem ehemaligen Mitarbeiter des Pressedienstes des russischen Verteidigungsministeriums organisierte Telegram-Kanal „Rybar“ resümierte: „Es gab einige Sachen, die von den USA vorbildlich getan wurden. Die russische Armee hatte im Jahr 2022 ebenfalls mit Hilfe einer Einsatzgruppe versucht, den Kiewer Flugplatz Gostomel einzunehmen und später auf ähnliche Weise die Antonow-Brücke in Cherson eingenommen, um den Dnepr zu forcieren. Es war jedoch nicht gelungen, die taktischen Erfolge in strategische zu verwandeln“, schrieben die Rybar“-Autoren (https://t.me/rybar/76473).