Im Sergej-W.-Obraszow-Puppentheater Moskaus hat man „Bilder aus dem Leben von Doktor Faust“ nach der poetischen Tragödie von Goethe inszeniert. Die Inszenierung ist im Genre einer plastischen Aufführung ohne Worte gestaltet worden.
Die Legende vom realen Prototyp Fausts war so um die 200 Jahre vor der poetischen Tragödie, die durch den großen deutschen Poeten geschrieben wurde, entstanden. Und das Aufkommen von Volkslegenden über einen Doktor, der die Seele an den Teufel verkauft hatte, reicht weit in das tiefe Mittelalter zurück. Es scheint, dass das Theater in dieser Inszenierung Faust, den der Vater der deutschen Aufklärung verfasst hatte, den Zeiten des Glaubens an die Alchimie, die Magie von Zauberern und des Bösen nahebringt.
In der Inszenierung des Sergej-W.-Obraszow-Theaters ist Faust nicht von Glaskolben umgeben, aus denen dicker Qualm aufsteigt, um sozusagen den Effekt wissenschaftlicher Beschäftigungen zu verstärken. Es öffnet sich nicht der Himmel, die Bühne wird nicht in blutrotes Licht beim Erscheinen von Mephisto im Arbeitszimmer des Wissenschaftlers getaucht. Auf die Bühne gelangt auch keine naive opernhafte Infernalität. Es kommt aber auch zu keiner anderen Extremität: Mephisto ist hier kein kleiner Dämon, kein Teufel, der mal hier und mal da herumwuselt und durch nichts von der Menschenmenge zu unterscheiden ist.
Der inszenierende Regisseur Jegor Druschinin, Co-Regisseur Maxim Kustow und Bühnenbildner Viktor Nikonenko verdichten die Geschichte bi zu einer plastischen Klarheit und scheinbaren Einfachheit, wobei sie den Bildern aus dem Leben des Doktor Faust buchstäblich Maler aus der Nördlichen Renaissance – von Bruegel, Dürer und Cranach – hinzugefügt haben.
Und das Arbeitszimmer des Wissenschaftlers an sich ähnelt mehr einer Zelle in einem protestantischen Kloster. Wir vergessen nicht, dass bei Goethe Faust ein armer Mann ist. Und da erweckt die mit geweißten Latten verkleidete bescheidene Unterkunft mit den aus den Wänden unterhalb der Decke hervortretenden Schrägen den Eindruck, dass sich Faust irgendwo neben einem Bauwerk im gotischen Stil, aber irgendwie von dessen Kehrseite her, in einem kleinen akkuraten Arbeitszimmer, das zwischen architektonischen Leerräumen eingerichtet wurde, niedergelassen hat. Das Gute kann doch nicht verloren gehen. Dies ist nicht das Erdgeschoss und kein Keller. Die Decke – sie ist auch ein transparentes Dach – hilft, leicht und natürlich den sterilen deutschen Haushalt umzugestalten. Der Himmel, das Licht und die Finsternis dringen zu Faust durch diesen magischen Spiegel, wobei der Raum, wenn erforderlich, in ein kleines Stückchen des Universums verwandelt wird, in dem der globale Kampf der höchsten Kräfte erfolgt (Lichtgestaltung von Sergej Kornezkij). Und das Kleinsein ist für das Arbeitszimmer kein Hindernis. In diesen Minuten gewinnt die Aufführung eine andere Dimension: Der Raum atmet Ewigkeit aus, die besorgniserregend ist, zeitweise sogar düster. Doch das Fensterglas bahnt sich Licht einen Weg, wenn auch ein durch lästige Schatten flackerndes.
Faust tritt in dieser Aufführung die Rechte an eine Puppe ab: Anfangs sehen wir einen staatlichen, in die Jahre gekommenen und in einen Universitätstalar gehüllten Mann (Andrej Netschajew). Ihn ersetzt eine über das Parkett laufende menschengroße Puppe, die durch drei Schauspieler geführt wird.
Den per Blut besiegelten Vertrag mit Mephisto schließt Faust nicht im Interessen einer grenzenlosen Erkenntnis ab, sondern für ein Zurückholen von Jugend und Liebe. Mit Trauer schaut er auf seine alternden Hände. Die Puppe ersetzt den Schauspieler gerade in dem Moment, in dem sich Faust in der Macht des Dämonen des Bösen befindet, sich als eine Marionette erweist. Aber nur deshalb? Der Bühnenbildner und der Regisseur bestehen auch noch darauf, dass sich Faust in das vollendete Bild eines Ritters verwandelt. Die Struktur des Baums stört nicht, wie merkwürdig es auch sein mag, sondern verstärkt das Gefühl von etwas Lebendigem.
Doch nach Erhalt einer neuen Hülle als Geschenk ist er zu anderen Prüfungen verdammt. Der Baum des Lebens grünt zwar ewig, aber – für eine zyklische Erneuerung, die das persönlichen Leiden des Mannes, der zu Versuchungen und zum Tode verdammt ist, nicht aufheben.
Für die Rolle des Mephistos ist für die Inszenierung der Balletttänzer Ildar Gainutdinow engagiert worden. Er tanzt seine Rolle mit einer dreisten Finesse, wobei er den Nächsten elegant verhöhnt. In jeder ausgefeilten Geste steckt ein Eifer von Heimtücke. Die Körpersprache ist eine klare, verständliche, tadellose… Und Worte werden da nicht gebraucht. Er steuert jede Situation, organisiert das Treffen von Faust mit dem wunderbaren Gretchen, gleitet räuberisch zwischen den Helden herum.
Die Geschichte der Liebe von Faust ist in dem Sinne durch den Regisseur vermenschlicht worden, dass die Schuld für das tragische Schicksal Gretchens nicht nur auf dem Verführer Mephisto liegt. Verrat an der unschuldigen Schönheit begeht Faust. Lieben bedeutet opfern, aber nicht teilnahmslos auf die Leiden des Opfers zu schauen, auf das wunderbare rothaarige Gretchen (Ksenia Salnikowa), das buchstäblich aus den Gemälden der Präraffaeliten gekommen ist. Doch ihre Anmut und Schönheit retten nicht, sondern im Gegenteil – sie ziehen sie in einen Abgrund. Und Kleid aus roter Seide lodert wie ein Feuer auf der Bühne (Kostümbildnerin Irena Beloussowa).
In der Inszenierung kommt aber möglicherweise auch eine andere Frage auf: über die Versuchung, die keiner aus dem Weg gehen kann. Die Leidenschaft ist für sie zerstörerisch und bricht die schüchterne und unschuldige Seele des Mädchens.
Sinnliche Liebe ist stets eine Versuchung, die mit einem Verlust der Unschuld verbunden ist, ist das Begreifen, dass du sündig bist. Gibt es aber ein reines Gewissen? Albert Schweizer behauptete, dass solch eine eine Erfindung des Teufels sei. Ja, und die Frage des Erlösers „Wer ist ohne Sünde?“ appelliert an Barmherzigkeit. Wie kann man aber Barmherzigkeit für den Mörder eines Kindes an den Tag legen? Die Menge ist empört, die Menge der verknöcherten und wütenden Städter.
Da gibt es keine, die Recht haben. Es gibt aber eine Schuldige. Was kann aber einen Menschen verteidigen, der verdammt ist, Sünde zu begehen? Die Erinnerungen an die Kindheit, an das verlorene Paradies? Vielleicht lässt daher der Regisseur zwei Kinder auf die Bühne kommen – einen Jungen namens Faust und ein Mädchen namens Gretchen, die noch nicht wissen, was ein Sündenfall ist, und in ihrer Unschuld glücklich sind.
In der Inszenierung taucht auch ein Homunkulus in Gestalt eines riesigen Kopfes auf und veranlasst, sich für eine Minute an Hieronymus Bosch zu erinnern. Nur die Beinchen, auf die dieses schreckliche Wesen gesetzt wurde, lösen ein Lächeln aus, weil da kein Hauch von Goethe weht, sondern von simpler belustigender Reklame auf dem Arbat, die die Köpfe von menschengroßen Puppen und die Arbeit jobloser Künstler nutzt.
Aber die Sache besteht da nicht nur in dem. In der Regiearbeit der Inszenierung ist das Sujet des Gedankens nicht auszumachen. Bei Goethe ist der Homunkulus scheinbar ein körperloses Produkt der Alchemie, der Faust näher denn Mephisto ist. In der Inszenierung aber zieht dieses Wesen der Fürst der Finsternis auf. In seinen „Schoß“ schleudert Mephisto kleine Puppen. Dieses unheilverkündende Symbol ist wenngleich auch effektvoll, so doch nicht ganz verständlich in die Handlungslinie der Inszenierung eingebaut worden.
Allerdings schmälert letzteres nicht die Qualitäten dieser außergewöhnlichen Inszenierung, die von einer hohen Kultur bestimmt wird. Seit langem schon konnten wir auf unseren Bühnen kein so klassisch klares und zur gleichen Zeit szenisch subtiles Spektakel erleben, das sich so natürlich dem großen Erbe der Vergangenheit angenommen hat.