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Salome wurde keine Lolita


Im Bolschoi-Theater läuft die Serie von Premiere-Aufführungen der Richard-Strauss-Oper „Salome“. Diese Inszenierung ist in einem gewissen Sinne eine sensationelle. Es ist eine der weltweit ersten Inszenierungen (und unter Berücksichtigung der Zusammensetzung des Inszenierungskollektivs und der Interpreten ist es die erste), die für das Publikum seit dem letzten Jahr gezeigt wurden. Nun ja, das Team von Wladimir Urin (Generaldirektor des Moskauer Bolschoi-Theaters – Anmerkung der Redaktion) hat sich einen verdienten Platz in der Chronik der internationalen Opernkunst gesichert. In New York wird „Salome“, die im Rahmen einer Koproduktion mit der Metropolitan Opera inszeniert wurde, in wenigen Jahren erst zu sehen sein.

„Salome“ ist hinsichtlich der Qualität und der Ausführung eine umwerfende Aufführung. Man hatte auf sie in Moskau sehr lange gewartet. Dies begreifst du, sobald sich der Vorhang öffnet und du einen schwarzen Saal des Palastes von Herodes erblickst. Das Bühnenbild (gestaltet von dem Schweizer Etienne Pluss) beschert noch eine Überraschung. Als der Kerker von Jochanaan (Johannes dem Täufer) aufzutauchen beginnt, vermutet kaum einer, dass die untere Ebene die obere vollkommen verdrängen wird. Dies löst einen ekstatischen und zugleich unheimlichen Eindruck aus.

An der Grenze der Realität und der Arbeit des Unterbewusstseins balanciert auch die Welt von Salome. Und das Bühnenbild visualisiert dies. Der schwarze Saal und der weiße Keller, das schwarze Kleid in dem einen Raum und ein weißes im anderen. Aber nicht nur. Der deutsche Regisseur Claus Guth gestaltet fein die Spiele der Vernunft, die Salome aus der Welt des „armen, gequälten kleinen Mädchens“ à la Nabokov zu den Bestrafenden führen. Guth hält praktisch mit filmischen Methoden – Andeutungen und Anspielungen, Gesten und Details – die Spannung aufrecht. Guth versucht wie ein Detektiv, die Ursachen für die Brutalität von Salome herauszufinden.

Zu Beginn der Aufführung spielt das kleine Mädchen zu den Klängen einer Musikschatulle mit einer Puppe, dann aber reißt es ihr wütend und sogar wollüstig die Arme ab. Da ist sie, Salome, das Opfer und die Rächerin. Die Sängerin Asmik Grigorian begleiten sechs Gefährtinnen, Mädchen unterschiedlichen Alters. Beginnend ab dem 7. Lebensjahr, als die Kleine zum ersten Mal verspürte, welche Spiele der Stiefvater mit ihr spielt, und bis zum (angenommenen) 14. Lebensjahr, als sie bereits sowohl die Wünsche Herodes versteht als auch ihre Macht über ihn spürt und – was das Schrecklichste ist – den Verrat der Mutter begreift, die aufgrund der Machtlosigkeit vor der Situation in einem ewigen Alkoholrausch verweilt.

Den Tanz der sieben Schleier tanzen alle Mädchen der Reihe nach, vom kleinsten (spielend) bis zur erwachsensten (bereits mit einem mulmigen Gefühl). Und in diesem Moment tut es einem um Salome unermesslich leid. Du begreifst, was für einen Weg die Heldin zurückgelegt hat, wie oft sie bei Orgien im Palast des Herodes tanzte. Dieser Moment wird auch zu einem Wendepunkt, als sich das Opfer zu einer Strafenden verwandelt.

Wer ist da Jochanaan, der halbnackte Gefangene mit einem verblichenen Körper, der angekettet in den Kasematten des Verstands von Salome sitzt? Wegen was bestraft sie ihn? Es scheint, dass dies Gott selbst ist, jener, dessen Schutz sie so benötigt hatte. Und dessen Schutz sie jedoch nicht erfuhr. Ihn umbringend – und das Haupt von Jochanaan schlagen die Mädchen ab -, tötet Salome ihre Vergangenheit und wird zu einer freien (das Mädchen in der Videoprojektion dreht sich ausgelassen zur Musik aus der Musikschatulle). Gleichzeitig aber bringt sie auch Gott um, das heißt alles Beste in sich. Und sie wird von der Finsternis der Nacht verschlungen, die lediglich durch das kalte Licht des Mondes erhellt wird. Salome geht, wobei sie sowohl Iokaste als auch den todumgefallenen Herodes zurücklässt. Sie geht von dannen, ohne sich umzuschauen.

Die Partie, mit der Asmik Grigorian nach der Salzburger Inszenierung von Romeo Castellucci berühmt wurde, ist hier, auf der Bühne des Bolschoi-Theaters mit anderen Nuancen ausgefüllt worden. Und die Sängerin spielt ihre Rolle phänomenal. Das in die Enge getriebene kleine Tier, das Mädchen, das Wärme möchte, Mitgefühl (mit der Herzlichkeit einer Tochter umarmt sie Jochanaan), wird zu einer Verführerin. Die stimmliche Virtuosität bildet ein Paar mit der Vollkommenheit des Intonierens, wobei man allein mit dem Gesang die Entwicklung der Figur darstellen kann. Ihre Partner – der deutsche Tenor Vincent Wolfsteiner, nicht so sehr der Tetrarch Herodes, das heißt ein Mann der Macht, als vielmehr ein lasterhafter Bourgeois, die beinahe an eine Clownin in einer roten Perücke und einem Kleid aus Vorhangstoff erinnernde Italienerin Anna Maria Chiuri (Iokaste) und der stimmgewaltige Thomas J. Mayer aus Deutschland (Jochanaan) -, sie bilden zusammen mit Grigorian ein harmonisches Ensemble.

Und schließlich der Dirigent Tugan Sochijew, dessen „Salome“ anfangs eine technisch tadellose, aber emotional sterile zu sein scheint, beweist im Prozess sein Recht auf eine Interpretation, die nicht so sehr die Üppigkeit des vom Orchester dargebotenen Gewebes oder die Exaltation der Klangfiguren unterstreicht, als vielmehr den eiskalten Horror, der den Hörer im Zuge des Begreifens der Absicht von Claus Guth erfasst.