Der ukrainische Präsident Wladimir Selenskij hat Erlasse über eine ingenieurtechnische Verteidigung der Städte sowie eine Verlängerung der Mobilmachung und den Kriegszustand um weitere drei Monate unterschrieben. Dies zeugt davon, dass Kiew nicht auf die anstehenden Verhandlungen mit der Russischen Föderation zur Beendigung des Konflikts hofft, deren Perspektiven am 27. Oktober Spitzenvertreter Finnlands und Norwegens mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin erörtert hatten. Helsinki und Oslo wollen als NATO-Mitglieder Garanten für die Sicherheit der Ukraine nach Beendigung der Kampfhandlungen sein. Gegenwärtig nehmen finnische und norwegische Militärs an Manövern der Allianz im Baltikum teil, von denen eines der Ziele das Training einer militärischen Unterstützung für die Ukraine nach Beendigung des Konflikts ist.
In dem Gespräch mit Wladimir Putin hatten Finnlands Präsident Alexander Stubb und Norwegiens Premierminister Jonas Gahr Stere erklärt, dass sie beabsichtigen würden, der Ukraine weiter zu helfen.
Putin betonte, dass die Konfrontationspolitik der Länder der EU und NATO zu einer Verlängerung des Konflikts führe. Stubb und Stere telefonierten am gleichen Tag auch mit Selenskij, um ihm über die Ergebnisse des Gesprächs mit dem russischen Staatsoberhaupt zu berichten. Und der erklärte angeblich, dass die Verhandlungsführer dem Präsidenten der Russischen Föderation „klar die Notwendigkeit einer Deeskalation hinsichtlich der ukrainischen Energiewirtschaft und Infrastruktur unterstrichen“. Derweil attackieren die ukrainischen Militärs weiter selbst Objekte auf dem Territorium Russlands, wobei sie in den vergangenen 24 Stunden mit Stand vom Dienstag, ca. 12 Uhr Moskauer Zeit 645 Kampfdrohnen verloren (meldete zumindest das russische Verteidigungsministerium, das überdies von massiven Attacken der Truppen Russlands gegen Objekte in der Ukraine inklusive eines erneuten Treffers gegen die Kiewer Brücke Juschnyj berichtete – Anmerkung der Redaktion).
Vor diesem Hintergrund kommen Nachrichten über NATO-Manöver unweit der Grenzen Russlands, an denen Finnland und Norwegen teilnehmen. Unter ihnen sind die bedeutendsten die Manöver „Resolute Reforger“, die am 26. Oktober begannen und bis einschließlich 8. November durch die multinationale Brigade des Nordatlantik-Paktes in Lettland durchgeführt werden. Die Manöver erfolgen in zentralen und östlichen Regionen des Landes, wo 3000 NATO-Militärs und 1000 technische Mittel das Training einer Verlegung großer Einheiten über große Entfernungen aufgenommen haben. Als Ziel der Manöver nennen Experten die Vorbereitung auf eine Entfaltung von „Stabilisierungskräften“ in der Ukraine nach Unterzeichnung eines Friedensvertrages. Derweil hat die Russische Föderation mehrfach erklärt, dass sie gegen eine Präsenz von NATO-Kontingenten in der Ukraine nach dem bewaffneten Konflikt sei.
Kiew bereitet sich aber weiter aktiv auf eine Fortsetzung der Kampfhandlungen im kommenden Jahr vor. Die Werchowna Rada (das Landesparlament – Anmerkung der Redaktion) unterstützte die von Selenskij unterzeichnete Gesetzesvorlage über eine Verlängerung des Kriegszustands im Land um 90 Tage ab dem 31. Oktober 2026 bis 29. Januar 2027. Bestätigt wurde gleichfalls der Gesetzentwurf über die Beibehaltung der „gesamtukrainischen Mobilmachung“ für diesen Zeitraum. Und der ukrainische Premierminister Sergej Korezkij berichtete über neue Herangehensweisen für die Gewinnung von Bürgern für die Streitkräfte der Ukraine. Er teilte mit, dass die ukrainische Regierung bis zum 1. Dezember 2026 die Vornahme von Änderungen am System für die Mobilmachung zwecks Verringerung von Missbräuchen um die Freistellungen von einer Einberufung und zwecks Absicherung einer Rotation der Militärangehörigen erörtern werde. Nach seinen Worten werde ein Unternehmen das Recht erhalten, alle Mitarbeiter von einer Einberufung freizustellen, wenn es regelmäßig und freiwillig einen Teil von Beschäftigten für einen Militärdienst entsendet.
Entsprechend einem Beschluss des Ministerkabinetts der Ukraine wird eine neue Behörde geschaffen, ein Koordinierungszentrum für Freistellungen. Es soll Empfehlungen hinsichtlich der Gewährung und der Aufhebung des Status kritisch wichtiger Unternehmen, aber auch zu Anhebung der Limits für Freistellungen geben. „Im Verlauf von zehn Tagen nach Inkrafttreten des Beschlusses müssen die Behörden und Gebietsverwaltungen die Kriterien für den kritischen Charakter überarbeiten und die Unternehmen überprüfen, die bereits diesen Status erhalten haben. Wenn der Grund für dessen Gewährung ausgeschlossen wird, wird man die Entscheidung über den kritischen Charakter vorzeitig aufheben können“, heißt es im Beschluss des ukrainischen Ministerkabinetts. Dabei hat die Regierung bereits den maximalen Anteil der Mitarbeiter von Unternehmen der Rüstungsindustrie und Energiewirtschaft, die man von einer Mobilmachung freistellen kann, bereits bis auf 95 Prozent verringert. Die übrigen fünf Prozent können für einen Militärdienst mobilgemacht werden. Dabei wird der Anteil der Freistellungen in anderen kritischen Unternehmen – in der Logistik, der Landwirtschaft, im Fernmeldewesen usw. — ein weitaus geringerer sein.
„Die Rüstungs- und anderen kritischen Industrieunternehmen können im Maßstab der ganzen Ukraine 150.000 bis 200.000 Menschen für einen Militärdienst entsenden“, vermutet der Militärexperte und Generalleutnant im Ruhestand Jurij Netkatschjow. „Dies ist nicht wenig und entspricht der Stärke von fünf bis sieben Armeekorps. Doch wird man kaum auf der Grundlage mobilgemachter Männer zusätzliche Armeekorps schaffen. Wahrscheinlich wird man mit ihnen die bereits vorhandenen Truppenteile und Verbände der ukrainischen Streitkräfte und anderen bewaffneten Strukturen bis zum kompletten Planbestand auffüllen“. Der Experte ist der Auffassung, dass sich die Gefechtsmöglichkeiten der Streitkräfte der Ukraine verringern würden, unter anderem auch aufgrund des Mangels an Militärs. 2Selenskij möchte sich nicht auf Zugeständnisse einlassen und fordert von den westlichen Verbündeten neue Hilfe. Dabei räumt er ein, dass die Kampfhandlungen auch im Jahr 2027 andauern werden, und schließt ein negatives Szenario nicht aus, was beispielsweise sein Erlass über eine Rundumverteidigung der Städte belegt“, erklärte Netkatschjow.
Das entsprechende Dokument war auf der offiziellen Internetseite des Präsidenten der Ukraine veröffentlicht worden. Sein vollständiger Titel lautet: „Über die Entscheidung des Rates für nationale Sicherheit und Verteidigung der Ukraine vom 25. Syepetmber 2026 „Über Maßnahmen zur Einrichtung eines Streifens ingenieurtechnischer Absperrungen zwecks Gewährleistung eines ordentlichen Verteidigungsgrades der Städte und Maßnahmen zu deren Umsetzung (Rundumverteidigung der Städte)“. „Kiew räumt aktive umfangreiche Angriffshandlungen Russlands ein und bereitet sich beizeiten auf sie vor“, ist sich Netkatschjow sicher.