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Tschingis Aitmatow: nach Berlin und zurück


In der nächsten Woche (am 4. November – Anmerkung der Redaktion) kommt „Aitmatow“ in die russischen Kinos, ein biografisches Drama des Regisseurs und Drehbuchautors Kanybek Kalmatow, das die für das Schicksal des großen Schriftstellers entscheidenden Momente, dessen Arbeit an einem seiner wichtigsten Werke und den schwierigen historischen und politischen Kontext dessen Lebens künstlerisch aufarbeitet. Die Hauptrolle verkörperte der Schauspieler Bolot Tentimyschow, bekannt durch den Film „Ein Paradies unter den Füßen der Mütter“ („Paradise at Mother’s Feet“) von Ruslan Akun aus dem Jahr 2024. Außerdem tauchen in dem Streifen Sergej Besrukow und Rawschana Kurkowa in der Gestalt von Boris Pasternak, des Schriftstellers, aus dessen Gedicht „Die einzigen Tage“ aus dem Jahr 1959 Aitmatow eine Zeile übernommen und mit ihr sein Buch getitelt hatte, und dessen Ehefrau Sinaida Neuhaus auf.

1979 wartet der bereits bekannte, von den Lesern anerkannte und geliebte Schriftsteller Tschingis Aitmatow auf die Antwort auf eine Anfrage nach einer Veröffentlich seines neuen Werkes, des ersten Romans, der von ihm mit dem Titel „Schneewirbel-Bahnstation“ („Burannyj polustanok“) überschrieben wurde. Im heimatlichen Kirgisistan sind alle Instanzen durchlaufen worden. Und der Autor geht mit Aufregung zu einem Treffen mit dem 1. Sekretär des Schriftstellerverbands Almaz Karajew (dargestellt von Marat Amirajew). Dieser, der sich auch selbst für einen Literaten hält, dessen Bücher freilich nicht auch nur einen Deut jenes Erfolgs genießen, den Aitmatow hat, ist offenkundig neidisch: Er untersagt der Gattin, (die Novelle) „Dschamila“ (einst als die „schönste Liebesgeschichte der Welt“ von dem französischen Schriftsteller Louis Aragon bezeichnet – Anmerkung der Redaktion) unter dem Vorwand der von dem Buch propagierten falschen Werte zu lesen. Und am Arbeitsplatz plant er einen wahren Sabotageakt. Nach dem Erhalt eines Anrufs aus Berlin von einem ausländischen Verleger, der anbietet, die Bücher von Aitmatow zu publizieren, zeigt er dem Schriftsteller mit einer heuchlerischen Enttäuschung dessen Manuskript mit dem Stempelaufdruck „abgelehnt“ und schlägt vor, ihn bei der Auslandsreise zu begleiten. Nach dem er vorab mit den Vorgesetzten abgesprochen hatte, dass er unterwegs über den Schriftsteller kompromittierendes Material sammeln und vor Ort ihn davon überzeugen wird, in Deutschland zu bleiben, wobei er für immer die Verbindung mit der Heimat kappt.

In die hauptsächliche Sujetlinie, die über die Reise nach Berlin, über ihr vorausgehende Ereignisse und Folgen erzählt, sind Episoden eingefügt worden, die als Erinnerungen von Tschingis Aitmatow maskiert worden sind. Als ein roter Faden zieht sich das Thema seines Kinder-Traumas, das mit dem Vater verbunden ist, durch den Film. 1937 war der kirgisische Politiker Torekul Aitmatow verhaftet, zum Volksfeind erklärt und erschossen worden. Und dessen Familie, die Gattin und vier Kinder, flohen in das Dorf Scheker, wo unter Hunger, in Armut und in Unkenntnis über das Schicksal des Vaters auch die Kindheit von Tschingis verlief. Diese tragische Geschichte taucht wie vereinzelte Blitze in den Erinnerungen von Aitmatow auf, während er im Zugabteil – angeblich zu nichts verpflichtende – Unterhaltungen mit Karajew führt. Die Beichte wird durch ein Bereuen abgelöst, heroische Taten durch nicht entsprechende Handlungen. Unterwürfig gesteht er Fehler ein.

Die Erzählweise ist nicht linear und springt buchstäblich wie reale menschliche Erinnerungen, von der frühen Kindheit, in der es neben Entbehrungen auch Freude gegeben hatte, unter anderem auch aufgrund eines unerwarteten und – wie sich erweisen wird – auf wundersame Weise schicksalsträchtigen Treffens mit den ihn ungewollt segnenden Pasternak, bis zu einer späteren Zeit und zurück. Es gibt fast keine Gespräche über die Literatur, mehr über die Familie, die Liebe und Kinder. Aber das Schaffen verflechtet sich je weiter desto stärker mit dem Leben. Und der Akt des Schaffens wird zu einem untrennbaren Bestandteil des Denkprozesses. In der kulminierenden Szene – zumindest visuell und emotional – offenbaren die Autoren des Films Details eines wahren Geheimnisses: Aitmatow schreibt nicht einfach, sondern zeichnet seinen Roman auf den Blättern eines noch nicht mit Ausländern unterzeichneten Vertrages, womit er sozusagen seine noch nicht ausgesprochene Antwort auf die Frage danach gibt, ober er nach Hause zurückkehren wird.

Natürlich kann man in „Aitmatow“ leicht eine für die heutige Situation bequeme Propaganda ausmachen. Allein nur in der einen Reaktion des Helden auf die Frage, ober er denn wirklich in der UdSSR leben wolle, wo sein Vater Repressalien ausgesetzt worden war. Zu dieser Antwort wird nicht einfach das Gespräch, sondern ein ganzer Roman über Erinnerungen, die man nicht wegnehmen kann. Die Autoren verhehlen nicht, dass sie die reale Biografie künstlerisch auslegen und ergänzen, indem sie die nicht nur durch metaphysische Dialoge mit verstorbenen Menschen und Visionen vor dem Tode, sondern auch mit symbolischen Übereinstimmungen kolorieren. Zu dieser Kategorie gehört auch das Auftauchen des Romantitels „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“, unter dem bereits ohne jegliche Zensur letztlich eben jener Roman „Burannyj polustanok“ erschien. In diesem Zusammenhang erklingen weitaus lauter und bedeutsamer als die leicht auf den heutigen Tag übertragenen Qualen aufgrund des moralischen Dilemmas potenzieller Emigranten und deren jegliche Missbilligung auf staatlicher Ebene zusammen mit den Appellen, ungeachtet von allem zu bleiben, wie es beispielsweise Aitmatow getan hatte (da schauen Sie nur!), die abschließenden Worte des 105 Minuten langen Films. Die formal zum Thema des Romans gehören, die im Bild letztlich von allen gelesen werden – von groß und klein, von großen Städten bis abgelegenen Dörfern -, tatsächlich aber weitaus globaler, wichtiger und zeitgemäßer sind. „Solange ein Volk Erinnerungen hat, hat es eine Zukunft“.

*) In der DDR wurde der Aitmatow-Roman 1982 unter dem Titel „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“ veröffentlicht. Später wurde der Roman um ein Kapitel erweitert und unter „Ein Tag länger als ein Leben“ herausgegeben.