Der Titel dieses Buches lockt an (und verpflichtet): Der Autor schickt sich nicht an, etwas Neues zu entdecken, er schlägt vor, über Bekanntes zu sprechen?
Das erste, woran man sich im Zusammenhang mit diesem Moskauer Friedhof erinnert, ist – dort ruht Jessenin, dort ist das Grab von Wyssozkij. Zu ihnen wächst der Weg des Volkes nicht zu. In Reiseführern wird sowohl über die dort ruhenden Zwetajews als auch über den Erzpriester Valentin Amfiteatrov erzählt. Zu ihnen kommen von alters her die Verehrer des Schaffens von Marina Zwetajewa (nicht alle können bis nach Jelabuga und sogar nach Tarussa kommen) und Gläubigen, die den Wunsch haben, sich vor einem der in Moskau geliebten Prediger zu verneigen (Valentin Amfiteatrov lebte von 1836 bis 1908 und war für seine spirituellen Gaben und Predigten bekannt – Anmerkung der Redaktion). Auf dem Wagankowo-Friedhof führt man Exkursionen durch – genauso wie auf dem Donskoje- und dem Nowodewetschi-Friedhof. Ist dies etwa nicht genug?
Natürlich nicht. Der Moskauer Nikolaj Propirnyj kennt diesen Friedhof seit der Kindheit. Hier habe seine Nächsten eine letzte Ruhestätte gefunden. Er hat etwas, was er erzählen kann. Dieses Buch ist eine Sammlung interessanter Erzählungen über Menschen, die vor langer Zeit das Zeitliche segneten und erst vor kurzem diese Welt verlassen haben. Die Sujets sind keine Nekrologe, keine allgemein bekannten Fakten (die kann man leicht im Internet finden). Dies sind eher Fälle aus dem Leben, die den Erzähler durch irgendetwas frappierten, sich einprägten, die er mit dem Leser teilen möchte. Und nicht von einem Lehrstuhl aus, nicht von einer Tribüne – eher in einem freundschaftlichen gemächlichen Gespräch.
In dem Buch gibt es viele Fotos. Und sie wurden ausgewählt aufgenommen. Der Autor ist kein Heimatkundler, sondern ein Philologe, ein Literat. Es ist kein Wunder, dass dem Leser etwas Gewisses aus der Geschichte der russischen Literatur offeriert wird. „Unter einem gedrungenen Grabstein mit einem großen Kreuz ruht Natalia Fjodorowna Obereskowa, eine geborene Iwanowa (1813-1875), die Jugendliebe von Michail Jurjewitsch Lermontow und Adressatin von rund 40 seiner Gedichte, die den sogenannten „Iwanowa-Zyklus“ bildeten. Propirnyj erzählt über die Forschungsarbeiten des Literaturhistorikers Iraklij Andronikow, der das Essay „Das Rätsel N. F. I.“ geschrieben hatte und in dem er nachwies, dass das lehrbuchartige Gedicht „Ich erniedrige mich nicht vor dir…“ gerade ihr gewidmet ist. Literaten gibt es hier viele. Da sind sowohl Jurij Tynjanow als auch Boris Shitkow (erinnern Sie sich des Kinderbuches „Was ich gesehen habe“ und des Novellenfreskos „Viktor Wawitsch“?) und die Poeten Sergej Gorodezkij, Rjurik Iwnjew und Alexander Schirjajewez (ein Freund Jessenins).
Über einen der Schriftsteller (in dem Kapitel „ Ein sowjetischer Münchhausen“), gerade über den „unvergessenen – vergessenen“ Andrej Nekrassow (1903-1987), handelt ein Teil des Textes des Autos. Der Kinderschriftsteller Nekrassow hatte sich einen erstaunlichen Helden ausgedacht, den Schiffskapitän Christofor Bonifatjewitsch Wrungel. Und der Schriftsteller selbst war ein Seemann gewesen – „fing Kabeljau in der Barentssee, war Goldwäscher am Amur, machte Jagd auf Wale im Stillen Ozean…“ Seine ersten Erzählungen, die er selbst als „Seemannsgarn“ bezeichnet hatte, wurden, schreibt Propirnyj, 1928 publiziert. Ernsthaft hatte er unter dem Einfluss von Shitkow begonnen, sich mit einer literarischen Arbeit zu befassen. Die Zeitschrift „Pionier“ hatte in mehreren Nummern „Die Abenteuer des Kapitän Wrungel“ abgedruckt, eine positive Rezension schrieb Lew Kassil. Ein interessantes Detail ist dabei, das durch den Autoren des Buchs ausgemacht wurde: Die Rolle des Wrungel hatte im Film „Die neuen Abenteuer des Kapitän Wrungel“ von 1978 der Schauspieler Michail Pugowkin (1923-2008) verkörpert, dessen Urnen sich unweit des Kolumbariums befindet. Und 1980 erfolgte die Premiere der unsterblichen Trickfilm-Serie von David Tscherkasskij.
An den Wagankowo-Alleen gibt es auch viele Schauspieler und Regisseure. Hier ruhen sowohl der Regisseur Pjotr Fomenko als auch die Schauspieler Andrej Rostozkij, Alexander Abdulow und Albert Filosow. Hier ist ebenfalls der traurige Clown Leonid Jengibarow.
Und über den Lyriker und Liedtexter Ilja Frenkel (1903-1994) berichtet Propirnyj. Frenkel wurde an einer Stelle mit seinem Freund Boris Jagling (1909-1948) beigesetzt. Im Leben waren sie befreundet, und hier haben sie sich nicht getrennt. Ilja Frenkel ist der Autor des Textes für das bekannte Lied „Lass uns, Genosse, eine rauchen…“. Geschrieben hatte er die Verse, erzählt Propirnyj, innerhalb einer Nacht (die Musik komponierte Modest Tabatschnikow), an der Front, doch die Vorsetzten hatten ihn nicht gebilligt, sich amüsiert: Wer will denn anfangen, eine zu rauchen? Patronen aber, ja, dies ist eine andere Sache. 1943 sang das Lied aber Klawdia Schulschenko, und man gewann das Lied lieb.
Propirnyj erzählt auch über Alexander Frolow, einem Sekondeleutnant des Pensaer Infanterieregiments und einfache Mitglied der geheimen Gesellschaft „Vereinigte Slawen“, die 1825 mit der Südlichen Gesellschaft verschmolz. Dem Dekabristen wurde ein „ungewöhnliches Denkmal aus rotem Granit – eine Himmelskugel in der Umgebung von vier Lampen“. Der Autor vermittelt ein Detail, das sich einprägt: Als die Frage nach einer totalen Vernichtung des Zarengeschlechts diskutiert wurde, entgegnete Frolow: „…Die Zarinnen aber – weshalb? Sie sind so wohltätige. Eben diese hervorgehobenen, sehr menschlichen Momente machen das Buch zu einem besonders liebreizenden.
Gleichfalls hebt Porpirnyj im Urenkel des durchlauchten Fürsten Alexander Menschikow (eines Mitstreiters von Peter dem Großen), Nikolaj Menschikow (1790-1863) und Adjutanten von General Pjotr Bagration nicht nur dessen Tapferkeit auf dem Borodino-Schlachtfeld hervor, sondern auch das, dass er bis zuletzt bei dem tödlich verwundeten Bagration geblieben war und danach persönlich die Mitteilung über dessen Tod nach Sankt Petersburg zu Alexander I. brachte.
Gerade diese persönliche Note, diese persönliche Haltung gegenüber „unvergessenen“ Menschen ist das Interessanteste in dem Buch. Gerade deshalb prägen sich viele der erzählten Geschichten ein. Eben daher möchte man das Buch nicht nur noch einmal durchblättern, sich die Fotos anschauen, sich Gedanken machen…
P. S.
Das 256-seitige Buch „Unvergessene des Wagankowo-Nekropols“ von Nikolaj Propirnyj erschien im Jahr 2025 im Moskauer Verlag „Akademisches Projekt“.