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Wer hat Angst vor einem plastifizierten Körper?


Die Anatomie-Ausstellung „Body Worlds“ („Körperwelten“) wurde am 12. März für Besucher in einem der Pavillons auf der Moskauer WDNCh (ein Ausstellungsgelände im Norden der russischen Hauptstadt – Anmerkung der Redaktion) eröffnet. Diese Schau ist im wahrsten Sinne des Wortes eine bewegliche. Ihre Exponate sind Körper realer Menschen, die durch sie vor dem Tod für das aufklärerische Projekt gespendet wurden. Vor 26 Jahren hatte der Deutsche Dr. Gunther von Hagens erstmals dem Publikum – die Ausstellung erfolgte in Tokio – die Ergebnisse der von ihm entwickelten Methode zur polymeren Plastination – der Bewahrung menschlicher Körper – sowie zur Anfertigung von anatotomischen Präparaten aus ihnen und sogar, nennen wir es einmal so, von figürlichen Kompositionen demonstriert. Seitdem haben die Ausstellung über 51 Millionen Menschen in 35 Ländern der Welt besucht. Und nun hat es diese Ausstellung, die – sagen wir es frank und frei – die unreifen heidnischen Geister zu schockieren vermag, bis nach Russland geschafft.

Der Vorsitzende des Präsidialrates für Menschenrechtsfragen Valerij Fadejew habe die Legitimität der Durchführung der Ausstellung „Body Worlds“ in Moskau angezweifelt, meldete die staatliche Nachrichtenagentur RIA Novosti. Fadejew sei der Auffassung, dass die Organisatoren der Schau nicht das Tätigkeitsprofil und nicht die entsprechenden Lizenzen hätten, um echte menschliche Organe auszustellen. Außerdem verletze die Schau in ihrer jetzigen Form nach Meinung Fadejews das Gesetz über den Schutz der Kinder vor schädlichen Informationen.

Es ist merkwürdig, warum Valerij Fadejew nicht stört, dass im Zentrum Moskaus, auf dem Roten Platz, schon beinahe 100 Jahre der „plastifizierte“ Körper von W. I. Lenin demonstriert wird. Und das Ritual des Beäugens dieses Körpers haben dutzende, wenn nicht gar hunderte Millionen sowjetische Kinder absolviert. Und heute wird es freilich mit einer erheblich geringeren Intensität zelebriert. Sicherlich wird solch eine Information als unschädlich für die Kinderpsyche angesehen. Überdies ist auch nicht sehr klar, was für ein Profil der Organisatoren der naturwissenschaftlichen Ausstellung ein „profilbestimmendes“ gewesen wäre.

Eine meines Erachtens vernünftige Position hinsichtlich des auf der WDNCh Geschehenden hat der 1. Stellvertreter des Vorsitzenden des Staatsduma-Ausschusses für Bildung und Wissenschaft, das Akademiemitglied Gennadij Onistschenko, formuliert: Aus kognitiver Sicht vermittelt die Ausstellung nützliche Informationen. Onistschenko unterstreicht, dass der ästhetische Teil für ihn als Arzt in diesem Fall sekundär sei. Und es gebe keine juristischen Probleme mit der Durchführung der Veranstaltung. „Jeder entscheidet für sich, ob er diese Ausstellung besucht oder nicht. Aber das, dass der Besucher sehr vieles erfährt, was in der Zukunft die Möglichkeit gibt, an der Bewahrung der Gesundheit zu arbeiten, an einer gesunden Lebensweise, dies steht außer Zweifel“, erklärte Onistschenko in einem Interview der Moskauer Zeitung „Komsomolskaja Prawda“.

Und derzeit ist schwer zu sagen, womit dieser Streitfall enden wird. Wahrscheinlich muss man ein Hineinziehen des Kulturministeriums, unterschiedlicher religiöser Organisationen, orthodoxer Aktivisten und Politiker in ihn erwarten. Was auch schon erfolgt.

Derweil ist das, was in Russland solch polare Wertungen auslöst, in Westeuropa schon längst ein Bestandteil des historischen und kulturellen Lebensumfeldes. Im Grunde genommen ist dies eines der Elemente dessen, was auch den Westen in seinem heutigen Verständnis geschaffen hat. „Motiu vivos docent.“ („Die Toten lehren die Lebenden.“) und „Hic locus est ubi mors gaudet succurrere vitae.“ („Hier ist der Ort, an dem der Tod sich freut, dem Leben zu helfen.“) – die lateinischen Inschriften an den Eingängen zu den anatomischen Theatern in Europa sind überzeugend. Obgleich mehrere Jahrhunderte erforderlich waren, um zu solch einem Verständnis zu gelangen.

Die erste öffentliche Obduktion in Europa fand 1315 in der Universität von Bologna statt. Die erste Obduktion eines Leichnams in Wien -1404, die erste in Paris – 1497. In London erhielten die Ärzte 1540 das Recht auf eine Autopsie von Leichnamen. Und 1593 wurde das erste anatomische Theater in Europa eröffnet, im niederländischen Leiden. Und dies war wirklich ein aufklärerisches Projekt der Renaissance und Aufklärung, ein Theater, in das man in ganzen Familien kam…

Zum Ende des 17. und besonders zu Beginn des darauffolgenden, des 18. Jahrhunderts wird die Anatomie überhaupt zu einer gewissen Mode. „Nicht ein Herrscher konnte als ein „aufgeklärter“ gelten, wenn er keinen Hofanatom hatte. Die Präparierungskunst erreicht in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts (in Europa – die „NG“) ein sehr hohes Niveau. In Amsterdam entstehen sogar anatomische Museen, die den Besuchern für ein Entgelt unterschiedliche Präparate demonstrieren“, betonte die sowjetische Historikerin Tatjana Stanjukowitsch.

Daher muss man sich auch nicht wundern, dass heute im Endergebnis jene der Bürger Russlands, die solch eine Möglichkeit haben, es vorziehen, sich im Ausland heilen zu lassen. Dort gibt es einfach mehr pragmatische Erfahrungen aus der pragmatischen Haltung zum wissenschaftlichen Experiment und in Sonderheit in der Medizin.

Möglicherweise gerade deshalb, weil die Russen eine junge Nation sind, brauchen wir Zeit, um uns an diesen europäischen Kontext der Unterhaltung über die Vergänglichkeit unserer Körper und des Daseins anzupassen. Freilich, auch in Russland sind diese Erfahrungen auf keinem Null-Stand. Im Kontext unserer Unterhaltung kann betont werden, dass derartige Kollektionen naturwissenschaftlicher „Kuriositäten“ nach der Entdeckung des Konservierungsverfahrens für biologisches Material (mittels Injektionen und einem Trockenverfahren) möglich wurden. Der Autor dieser Erfindung ist der Professor des Lehrstuhls für Anatomie in Amsterdam Frederik Ruysch (1638-1731). Er selbst hatte eine hervorragende Sammlung anatomischer Präparate geschaffen, die Peter I. erwarb.

Gleichzeitig erwarb der russische Zar 1715 auch die naturwissenschaftliche und historische Kollektion von „curiositatae“ von noch einem Holländer – von Albert Seba (1665-1736). In der waren unter anderem „über 400 Standflaschen aus reinstem Glas, in denen unaussprechliche, wundersame und seltsame zwecks Erhaltung in Weingeist eingelegte Tiere sind, in denen sie schrecklich demonstriert werden… Ja, und noch weitere 400 kleine und große Standflaschen auch mit verschiedenen, in Weingeist eingelegten Tieren“.

Beide Sammlungen – sowohl die von Ruysch als auch die von Seba – bildeten den Grundstock der späteren Kunstkammer in Sankt Petersburg – des ersten russischen öffentlichen Museums.

Aber auch in der neuesten einheimischen Geschichte kann man nicht weniger beeindruckende Beispiele für eine Hinwendung der Kultur zu Infernalem finden. Ende 1967 kam der erste sowjetische Horror-Spielfilm „Wij“ (deutsch: „Der Erdgeist“) auf die Kinoleinwände der UdSSR. Entsprechend den Ergebnissen von 1968 wurde er zu einem der Spitzenreiter des Filmverleihs – 32,6 Millionen Zuschauer. Übrigens, dies ist vergleichbar damit, was die Ausstellung „Körperwelten“ innerhalb von 26 Jahren schaffte. Und schließlich wurde unser Streifen „Wij“ für Vorstellungen in den USA, Argentinien, Finnland und Frankreich erworben.

Folglich muss man hinter der aufgeflammten Polemik um die Ausstellung „Body Worlds“ wahrscheinlich nicht so sehr moralisch-ethische als vielmehr momentane ideologische Gründe suchen. Alle Teilnehmer dieser Polemik müssen einfach klar verstehen, dass generell die Wissenschaft oft in ihren Methoden brutal und hinsichtlich ihres Wesens stets undemokratisch ist. Sich aber nur auf dieser Grundlage von ihr zu distanzieren – ja, dies ist Neuheidentum.