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Zensurbestimmungen treiben Blüten


Am 28. Februar informierte Russlands Kulturministerium über empfohlene Listen von literarischen Werken, die die Grundlage für die Auffüllung der Bibliotheksbestände bilden sollen. Veröffentlicht wurden sie auf der Internetseite der Nationalen Bücherplattform. Alles in allem sollen die insgesamt neun Listen den Bibliotheken helfen, die „Qualität der Auffüllung der Bibliotheksfonds“ zu erhöhen und „das Orientieren der Profis in der heutigen Bücherkultur“ zu unterstützen. Schließlich geht es um den Erwerb von Büchern, der  subventioniert wird. Zusammengestellt wurden die Listen durch das Bildungsministerium, den Schriftstellerverband Russlands, den Russischen Bücherverband, aber auch durch mehrere föderale Bibliotheken wie beispielsweise die Russische staatliche Kinderbibliothek oder die Staatliche öffentliche historische Bibliothek.

Schaut man sich die Listen an, fällt auf, dass sie sich vom Umfang her sehr unterschieden. Zum Beispiel umfasst das Verzeichnis, das vom Schriftstellerverband Russlands zusammengestellt wurde, derzeit 768 Titel. Angeführt wird es von Sachar Prilepin mit der Arbeit „Hunde und andere Menschen“. Die Liste umfasst auch die Arbeit „Der Untergang des Imperiums. Eine russische Lehre“ von Georgij Schewkunow, der in Russland heute eher als Metropolit Tichon aus der Russischen orthodoxen Kirche bekannt ist, und gleich sechs Titel von Wladimir Medinskij, einst Kulturminister Russlands und heutiger Vorsitzender des Schriftstellerverbands sowie Berater des russischen Präsidenten (in dieser Eigenschaft gleichfalls russischer Delegationsleiter bei den Ukraine-Friedensverhandlungen). Bemerkenswert ist, dass sogar Alexander Puschkin mit einigen Werken in diesem Verzeichnis ausgewiesen wurde. Das Bildungsministerium hielt sich mit der Liste „Patriotische Publikationen“ bescheidener und empfiehlt vorerst 75 Titel. Neben Arbeiten von Medinskij und Prilepin werden verständlicherweise Titel zur gegenwärtigen militärischen Sonderoperation Russlands in der Ukraine („Schatten des Donbass: Kleine Geschichten eines großen Krieges. Nicht abgeschickte Briefe“ von Oleg Roj oder „Helden der militärischen Sonderoperation. Symbole des russischen Mutes“ von Michail Fjodorow) ausgewiesen. Eigentlich erwartete man auch beispielsweise „Ein Menschenschicksal“ von Michail Scholochow oder „Der wahre Mensch“ von Boris Polewoi, doch diese fanden in dem Verzeichnis keinen Platz. 1303 Titel hat die Russische staatliche Kinderbibliothek in der Liste „Kern des Fonds der Kinder- und Jugendliteratur“ zusammengestellt, die damit die umfangreichste ist.

Russlands Bücherwelt kennt heute aber auch noch andere Listen und Verzeichnisse. Seit dem 1. März gelten neue Zensurforderungen für die Veröffentlichungen, deren „untrennbarer Bestandteil der künstlerischen Absicht“ das Drogen-Thema ist. Alle ab 1990 veröffentlichten entsprechenden Titel müssen mit einem Dreieck mit einem Ausrufezeichen sowie einem gesonderten Aufkleber mit einem erklärenden Text markiert werden. Dass dies mit erheblichen Problemen verbunden ist, berichteten wir bereits (https://ngdeutschland.de/verleger-beklagen-sich-hinter-der-hand-uber-einen-markierungskollaps/) Freilich ist man in zahlreichen Buchläden offenkundig mit einem Übereifer an die Umsetzung der neuen Forderungen herangegangen, um nicht Strafen in einer Höhe von 300.000 bis 600.000 Rubel zu erhalten. Opfer wurde dadurch selbst die Chefredakteurin des russischen TV-Auslandssenders RT, Margarita Simonjan, die in ihrer Freizeit als Schriftstellerin tätig ist. Absurditäten sind beim Markieren offenkundig nicht zu vermeiden. Der Telegram-Kanal Sotaproject berichtete, dass sogar ein Text des römischen Kaisers Marcus Aurelius wegen der angeblichen Erwähnung von Drogen kurzzeitig auf den Index geraten war, obgleich die neuen Zensurbestimmungen alle literarischen Arbeiten, die älter als 35 Jahre sind, verschont.

Während die Zensurbestimmungen in Bezug auf Drogen irgendwie einleuchtend sind, blieben nach einer Entscheidung des russischen Kulturministeriums Fragen offen. Der Filmverleiher World Picture informierte am 4. März, dass er für den Spielfilm „Nürnberg“ von James Vanderbilt keine Verleiherlaubnis erhalten hat. Am 19. März sollte das amerikanische historische Drama in die Kinos Russlands kommen (in Deutschland ab 7. Mai 2026). In dem Streifen, der auf dem Sachbuch „The Nazi and the Psychiatrist“ von Jack El-Hai basiert, spielen u. a. Russel Crowe (in der Rolle von Herman Göring) und Rami Malek (als Psychiater Douglas Kelley). Und er erzählt von der psychologischen Auseinandersetzung des amerikanischen Psychiaters Douglas Kelley und des Reichsmarschall Herman Göring in der Zeit der Vorbereitung zum Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Das Kulturministerium nannte keine konkreten Ablehnungsgründe und beschränkte sich auf den Verweis auf Pkt. „g“ der Regeln für die Erteilung von Verleihgenehmigungen („im Zusammenhang mit anderen durch föderale Gesetze bestimmten Fällen“).