Für Moskau und Kiew wird das Bemühen um eine ausreichende Anzahl von Militärs scheinbar zu einer erstrangigen. Dieser Tage unterzeichnete der ukrainische Präsident Wladimir Selenskij einen Erlass über die Verlängerung der Mobilmachung im Land um weitere drei Monate, wobei er erklärte, dass die Auffüllung der Streitkräfte von mobilisierten Männern jetzt eine der Hauptaufgaben sei. Im Unterschied zur Ukraine führt Russland bisher keine Mobilmachung durch. Und die Vergrößerung der Armee erfolgt durch die Gewinnung von Vertragsmilitärs und Grundwehrdienstleistenden. Und dafür wird die reguläre Personalstärke der Streitkräfte der Russischen Föderation erhöht, unter anderem durch Nichtgefechtseinheiten – durch Militärbau-Formationen.
Durch einen Erlass des Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Putin, der am 27. Juli veröffentlicht wurde, ist eine reguläre Personalstärke der Streitkräfte der Russischen Föderation mit 2.426.130 Personen festgelegt worden, von denen 1.535.000 direkt Militärs sind. Somit hat sich in der Zeit der Durchführung der militärischen Sonderoperation gegen die Ukraine (die inzwischen bereits das fünfte Jahr andauert – Anmerkung der Redaktion) die russische Armee um über eine halbe Million Militärs vergrößert, genauer – um 532.372 Menschen.
Im Verlauf der Sonderoperation ist die reguläre Personalstärke der Streitkräfte 6mal erhöht worden. Im August 2022 wurden zusätzlich 137.000 militärische Dienststellen im Zusammenhang mit der etwas später in der Russischen Föderation verkündeten Teilmobilmachung geschaffen. Sie erlaubte, über 300.000 Reservisten einzuberufen, die den Personalmangel der Armee wettmachten und in damals neu geschaffenen Truppenteilen und Verbänden Dienststellen einnahmen. In den Jahren 2023-2024 ist die russische Armee gleichfalls personell aufgestockt worden. Und in eben diesen Jahren erhöhte sich ihre reguläre Personalstärke bereits um beinahe 350.000 Soldaten und Offiziere. Dies erfolgte im Zusammenhang mit neuen militärischen Bedrohungen. Etabliert wurden zwei neue Militärbezirke – der Leningrader und der Moskauer. Formiert wurden neue Verbände und andere Formationen sowie Stützpunkte. Begonnen wurde die Bildung einer neuen Truppengattung – die der Truppen der Drohnen-Systeme, für die gleichfalls Menschen gebraucht wurden.
Vor diesem Hintergrund wurde durch einzelne (Präsidenten-) Erlasse auch die maximale Personalstärke des zentralen Apparates des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation verändert. Im April 2024 erhöhte sie sich um 2460 Offiziersdienststellen und machte zusammen mit den Zivilangestellten (4930 Menschen) 13.200 Personen aus. Durch den nunmehrigen Erlass vom 27. Juli 2026 sind dieser Zahl 200 Offiziersdienststellen hinzugefügt worden, die, wie auch die 27.000 Militärangehörigen und zivilen Fachleute, (laut der Formulierung des Dokuments) im Zusammenhang mit der Schaffung von „Militärbau-Einheiten“ in den Streitkräften der Russischen Föderation geschaffen worden sind.
Die noch zu Zeiten der UdSSR existierenden Baubataillone waren auf Vorschlag des damaligen Vizepremiers Sergej Iwanow per Entscheidung des Präsidenten der Russischen Föderation im Jahr 2006 liquidiert worden. Doch der Bedarf an Militärbauarbeitern ist geblieben. Und im Oktober 2019 wurde innerhalb der Struktur des russischen Verteidigungsministeriums das „Militärbau-Unternehmen“ (MBU) gebildet. Es untersteht heute der Hauptverwaltung für Investitionsbauten des Verteidigungsministeriums. Das MBU vereinigte praktisch alle Bau-Aktiva des Ministeriums, darunter die nach der Auflösung im Jahr 2017 verbliebenen militärtechnischen Einheiten (die Bau-, Straßenbau- u. a. Einheiten) der Föderalen Agentur für Spezialbauarbeiten – Spezstroi -, deren reguläre Personalstärke von 13.6000 Militärs nicht in den Streitkräften der Russischen Föderation berücksichtigt wurden. Damals wurden auch diese Militärbau-Einheiten von Spezstroi in das MBU integriert und im Personalbestand der russischen Armee berücksichtigt.
„Unter den neuen geopolitischen Bedingungen, unter denen die militärische Sonderoperation erfolgt, nimmt der Bedarf an Militärbauarbeitern zu“, sagte der Militärexperte und Oberst im Ruhestand Nikolaj Schulgin gegenüber der „NG“. „Errichtet werden neue Objekte in der frontnahen Zone, möglicherweise auch an der vorderen Frontlinie. Errichtet werden abgelegene Garnisonen, Militärstützpunkte, Siedlungen, Flugplätze und andere Verteidigungsobjekte. Es muss die Geheimhaltung gewährleistet werden. Und da sind zivile Bauarbeiter auf solchen Objekten unerwünscht. Ja, und sie sind in den abgelegenen Garnisonen, zum Beispiel in der Arktis, von nirgendwoher zu holen. Daher ist auch die reguläre Personalstärke der Militärbau-Truppen erhöht worden, damit das Verteidigungsministerium die Aufgaben zur Schaffung einer neuen Militärinfrastruktur auf dem Territorium der Russischen Föderation lösen kann“. Schulgin ist der Ansicht, dass sich die Struktur der Bauorganisationen, die innerhalb des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation arbeiten, kaum verändern werde. „Über all ihnen steht die Hauptverwaltung für Investitionsbauten. Sie wird augenscheinlich auch weiter, nur in größeren Dimensionen die Arbeit des MBU und der in ihm wirkenden Militärbau-Organisationen des Verteidigungsministeriums organisieren“, vermutet der Experte.
Schulgin erinnerte daran, dass derartige Truppen in vielen Ländern existieren würden. Ja, aber in der Ukraine gebe es keine Militärbauarbeiter, da es da selbst für die Kampfeinheiten katastrophal an Menschen mangele. Kiew hat, woran erinnert sei, die reguläre Personalstärke der Streitkräfte der Ukraine zu einem Staatsgeheimnis erklärt. Wie aber aus offiziellen Informationen zu sehen ist, machen die neuen, im Rahmen der Mobilmachung gewonnenen Militärs lediglich den massiven Personalmangel der Armee wett. In der Ukraine werden auch neue Verbände formiert, doch dies erfolgt, wie früher der inzwischen ehemalige Oberkommandierende der Streitkräfte der Ukraine Alexander Syrskij mitgeteilt hatte, durch eine Veränder der Struktur der Truppen, durch die Bildung neuer Waffengattungen und Verbände. Im Jahr 2023 wurden beispielsweise in den Streitkräften der Ukraine Truppen für Drohnen-Systeme (TDS). Laut Angaben des Befehlshabers der TDS der ukrainischen Armee Robert Browdi (gegen den in Russland die Fahndung nach mehreren Drohnen-Attacken gegen Objekte auf russischem Territorium ausgeschrieben wurde – Anmerkung der Redaktion) mache deren Personalstärke rund 5 Prozent der gesamten Armee aus. Dies wären etwa 50.000 Militärs, wenn man ins Kalkül zieht, dass vor zwei, drei Jahren Experten und Medien betont hatten, dass die Truppenstärke der ukrainischen Armee rund eine Million Menschen ausmache. Dabei besteht die Tendenz zu einer Erhöhung der Personalstärke der TDS, da – urteilt man anhand der eingehenden Informationen – derzeit aktiv neue Brigaden dieser Truppen formiert werden, die den Personalmangel an der Front durch die Schaffung einer sogenannten Drohen-Linie wettmachen sollen.
P. S.
Am Dienstag äußerte sich auch Russlands Ex-Präsident und jetziger stellvertretender Vorsitzender des Sicherheitsrates Dmitrij Medwedjew zur personellen Situation in den Streitkräften des Landes. „Entsprechend den Ergebnissen des ersten Halbjahres sind die Bedürfnisse der Streitkräfte an Militärangehörigen vollkommen befriedigt worden“, erklärte er bei einer Tagung der mehrere Institutionen vereinenden Kommission des russischen Sicherheitsrates zur Auffüllung der Streitkräfte durch Militärs auf Vertragsgrundlage. „Wir werden auch weiterhin die Effizienz dieser Arbeit erhöhen“, betonte der fast 61jährige Politiker. „Einen Vertrag über die Ableistung eines Militärdienstes haben in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres rund 200.000 Menschen abgeschlossen. Außerdem sind über 16.000 unserer Bürger Freiwilligen-Formationen beigetreten und haben sich in die Zone der militärischen Sonderoperation begeben“, fügte er hinzu.
In diesem Zusammenhang ging er auch auf die im Land kursierenden Gerüchte über eine anstehende neue Mobilmachung in der Russischen Föderation nach den September-Wahlen ein, für es jedoch keinerlei Bedarf gebe. „Die Versuche des Feindes, jegliche Wirbel darüber auszulösen, dass im Land eine Mobilmachung vorbereitet wird, ist nicht mehr als eine verlogene Provokation. Dies ist Teil einer Propaganda im Vorfeld der Wahlen. Sie (Russlands Gegner – Anmerkung der Redakion) bemühen sich natürlich, die Lage in unserem Land zu destabilisieren, negative Stimmungen zu schaffen“, zitierte die russische Nachrichtenagentur Interfax Medwedjew.
„Es ist klar, dass dies eine bezahlte Geschichte ist. Nun, oder eine Geschichte, die durch den Feind verbreitet wird“, betonte er in der für ihn bekannten Rhetorik, wobei er die Teilnehmer der Beratung bat, die Aufmerksamkeit der bevollmächtigten Vertreter des Präsidenten in den föderalen Bezirken, die Oberhäupter der Regionen sowie der Vertreter des Verteidigungsministeriums und anderer Institutionen auf diese Fragen zu lenken. „Ich unterstreiche speziell noch einmal: Es besteht keinerlei Bedarf für eine Mobilmachung. Dies ist eine Lüge des Feindes (womit konkret die Ukraine gemeint wurde – Anmerkung der Redaktion), der selbst einen Mangel an Menschen-Ressourcen verspürt. Da gibt es einfach keinen, der kämpfen kann“, betonte Medwedjew und unterstrich, dass man eine erläuternde Arbeit vornehmen müsse, damit die Menschen die wahre Situation begreifen.