Am Donnerstag, dem 29. Oktober kommt „Die Geburt des Imperiums“ — ein episches Geschichtsdrama des Regisseurs Andrej Krawtschuk (bekannt durch die Streifen „Der Wikinger“, „Admiral“, „Bund der Rettung“) nach dem Drehbuch von Andrej Solotarjow (bekannt durch solche Filme wie „Das Eis“, „Anziehung“, „Wort des Burschen. Blut auf dem Asphalt“) — in die russischen Kinos. Mit Alexander Gorbatow in der Rolle von Peter I. in der Zeit des Großen Nordischen Krieges (1700-1721), nach dessen Abschluss Russland, das neue Territorien und einen Zugang zum Meer (sprich: zur Ostsee – Anmerkung der Redaktion) erhalten hatte, zu einem Imperium wurde.
Der junge und ambitionierte russische Zar Peter Alexejewitsch träumt davon, seinen Staat zu einem mächtigen zu machen. In die Heimat nach der „Großen Gesandtschaft“ (1697 bis 1698) zurückgekehrt, tritt er als 28jährigen in einen unvermeidlichen Krieg mit Schweden ein, wo gerade der ganz junge König Karl XII. (Mathe Kabe, ein 26jähriger italienischer Schauspieler georgischer Herkunft) den Thron bestiegen hatte. Ihn unterschätzen die anderen europäischen Herrscher – er sei zu jung. Allerdings zieht man auch den russischen Herrscher nichts ins Kalkül, denn was kann ein „wilder“ Staat den Ländern mit einer reichen Geschichte entgegenhalten. Doch kaum das Karl und Peter begonnen haben, Krieg zu führen, wird klar, dass diese Auseinandersetzung lange andauern wird. Und der Sieg wird den höchsten Preis verlangen. Peter steht nicht nur bevor, vom Wesen her einen neuen Staat aufzubauen, sondern parallel zu diesem auch die neue Stadt Petersburg. Aber auch auf diesem Weg zu erfahren, was ein Verrat von Verbündeten und die Treue des Volkes ist, sich der Kirche zu widersetzen und Strenge hinsichtlich der Nächsten zu demonstrieren – angefangen bei den Bojaren unter der Führung des gestrengen Romodanowskij (gespielt von Sergej Garmasch) bis hin zum Mitstreiter und Freund Alexander Menschikow (Miloš Biković) -, erstmals keinem ausländischen, sondern einem russischen sowohl Hersteller in Gestalt des Waffenbauers Demidow (Alexander Jazenko) als auch Heeresführer, dem General Scheremetjew (Alexej Guskow), den Vorrang einzuräumen. Und ihm ist beschieden, auch eine wahre Liebe zu treffen, die ihm und auch dem ganzen Land das Leben rettet.
Imperialer Pathos ist dem Streifen nicht abzusprechen. Aber er steht im (gut) zu Gesicht, im Unterschied zu dem recht konfusen Sujet, das auch versucht, Unermessliches zu erfassen. In dem wenn auch von der Länge her (zweieinhalb Stunden) voluminösen Film versuchen seine Autoren, sowohl einen Krieg als auch Frieden unterzubringen. Die großen Schlachtszenen, die mit aller Sorgfalt und Beachtung für Details und einem Akzentuieren der aktiven Teilnahme des künftigen Kaisers an jeder Schlacht – Peter hebt buchstäblich Schützengräben aus – gedreht wurden, werden durch Alltagsszenen, politische und diplomatische Skizzen abgelöst. Der Zar schafft es, den polnischen und den dänischen König zu besuchen, wobei er mit ihnen ein recht vages Bündnis, wie sich herausstellen wird, abschließt. Demonstrativ trennt er sich von einer Favoritin-Mätresse (Julia Peresild spielt Anna Mons, die Tochter des westfälischen Weinhändlers Johann Mons und die vergeblich um neue Kleider und den Status einer Gattin zu einer Zeit gebeten hatte, als alle Mittel für den Krieg verwendet wurden) und findet sich eine neue, Martha (Skawronskaja, die Xenia Utechnina spielte). Dem Zuschauer steht bevor, das Auftauchen nicht nur des Imperiums, sondern auch der künftigen Kaiserin Katharina I. zu beobachten, deren beinahe magische Beteiligung am Schicksal von Peter I. zu einer der wichtigsten Handlungslinien wird.
Und noch ein sich durch den Film ziehendes Thema – die Freundschaft von Peter und Menschikow. Biković steht nicht nur die gepuderte Perücke, sondern auch die Rolle eines Spaßmachers, eines Possenreißers, dessen Gestalt vorteilhaft die monumentale Figur des ernsthaften und an Gefühlen und Emotionen sparsamen, aber an trotzigen, mutigen und tollkühnen Entscheidungen reichen Haupthelden betont. Peter fackelt gleichermaßen nicht lange herum, wobei er sowohl den Bojaren die Bärte abschneidet als auch Kirchenglocken zu Kanonen einschmelzen lässt und Seite an Seite mit Soldaten das Gefecht aufnimmt. Ein wahrer eherner Reiter – viele Szenen sehen wie lebendig gewordenen Bilder und Denkmäler aus. Jedoch macht der 38jährige und 1,98 Meter große Gorbatow seinen Helden, unter anderem durch die Mimik, Gesten und ein bis an die Grenzen gehendes Spielen dennoch verstärkt zu einer lebendigen und nicht in Stein und Farben erstarrten Person aus Geschichtslehrbüchern. Von daher auch die mit ihm geschehenden Anfälle, das Nachhallen von in der Kindheit erblickten monarchistischen Schrecken, die Wallungen von Liebe und Leidenschaft und gar mitunter auftretenden Lachanfälle. Nichts Menschliches ist sogar dem künftigen Kaiser fremd.
Allerdings interessieren die Autoren dennoch große Ereignisse. Dem Zuschauer wird eindringlich angetragen, in die ferne Vergangenheit zu schauen, um dort die eigentlichen Ursachen vieler heutiger Ereignisse auszumachen. Und da ist die umfängliche eingefügte Episode mit der Teilnahme des Hetmans der Saporoschje-Kosaken Masepa (Alexander Jazko). Ohne die hätte man auskommen können, aber nicht unter den gegenwärtigen Realitäten. Wie auch nicht ohne die schwülstige Demonstration fremder europäischer Sitten. Ausländische Monarchen geben sich in ihren Palästen Unzucht und der Völlerei hin, während sich Peter in einem Holzhäuschen mitten in der sich im Bau befindlichen Stadt, dem künftigen Petersburg, aufgrund eines neuen Hochwassers Sorgen macht. Solch eine Größe und solch ein Symbolismus einer jeden Szene zerschmettern zweifellos jegliche Kritik „wie die Schweden vor Poltawa“ (im Jahr 1709 – Anmerkung der Redaktion).
(Siehe auch https://ngdeutschland.de/hoffnung-fur-aljoschki-aber-der-russisch-ukrainische-konflikt-geht-unvermindert-weiter/)