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Verleger beklagen sich hinter der Hand über einen Markierungskollaps


Einst hatte die Bücher-Branche Russlands ein eigenes Ministerium, später eine Agentur (Rospetschatj) und dann ein Department. Seit Oktober 2021 befinden sich die Büchermacher im Verantwortungsbereich des Ministeriums für digitale Entwicklung, einer Institution, die den technischen Spezialisten näher als den reinen geisteswissenschaftlichen Fachleuten ist. Und dies war, wie merkwürdig dies auch sein mag, vielen recht. Die Techniker sind nachgiebiger, moderner sowie offen für neue Tendenzen und Technologien. Ihnen sind einfacher elektronische Bücher, Marketplaces (Internet-Verkaufsplattformen) und einen digitalen Konsum zu erklären. Die Geisteswissenschaftler aus dem Kulturministerium sind dagegen konservativ, traditionell… Für sie ist es wichtig zu bewahren und zu schützen.

Was steht aber jetzt bei den Verlegern auf der Tagesordnung, für die die Techniker aus dem Ministerium für digitale Entwicklung verantwortlich sind? Ab 1. März 2026 tritt ein Paket von Änderungen an der Gesetzgebung in Kraft, das ein Verbot für das Propagieren von Drogen und psychotropen Stoffen in Büchern, im Kino, in den Massenmedien und im Internet festlegt. Das entsprechende Gesetz wurde bereits im Sommer des Jahres 2024 verabschiedet. Doch danach ergaben sich bürokratische Kollisionen, die der Feder von George Orwell würdige sind: Die eigentlichen Modalitäten für ein Markierung von Kunstwerken, die Informationen über Drogen enthalten, wurden durch das Kulturministerium bestätigt. Gerade diese Institution hat den Entwurf einer Anordnung vorbereitet, die ab 1. September 2025 in Kraft treten und bis zum Jahr 2031 gelten sollte. Aber später hat man den Termin verschoben. Nun wird die Anordnung des Kulturministeriums ab 1. März 2026 zu gelten beginnen und wird bis zum Jahr 2032 aktuell sein. Der formale Grund ist: Der Termin für das Inkrafttreten des föderalen Gesetzes, zu dem die Anordnung verabschiedet wurde, hatte sich geändert. Anders gesagt: Die technische Regulierung hinkte den gesetzgeberischen Initiativen hinterher.

Gemäß der Anordnung des Kulturministeriums sind die Kunstwerke zu markieren, die ab dem 1. August 1990 an die Öffentlichkeit gelangten. Das heißt: Unter eine Überprüfung muss alles fallen, was in den letzten 35 Jahren erschienen ist – angefangen bei Perestroika-Pamphleten bis hin zu heutigen Bestsellern. Und es geht nicht nur um Bücher, sondern auch um audiovisuelle Werke, Musik mit Texten, die bildenden Künste (mit Ausnahme von Comics, man hat sie verschont) und künstlerische Fotos. Wenn es in einem Roman, Film oder Lied „einen durch das Genre gerechtfertigten untrennbaren Bestandteil der künstlerischen Absicht“ gibt, der mit einer Beschreibung von Drogen verbunden ist – bitte markieren Sie es! Die Markierung sieht übrigens so aus: eine Warnung vor der Schädlichkeit von Drogen und vor der Haftung für einen illegalen Handel mit ihnen. Tun kann man dies mit einem Text, man kann es auch mit einer Audio-Ansage.

Es scheint harmlos zu sein. Doch das Ausmaß der Probleme, das jüngst auf der Konferenz „Bilanz des Jahres 2025 auf dem Büchermarkt“ genannt wurde, beeindruckt selbst hartgesottene Buchgelehrte.

Beginnen wir damit, dass alles überprüft werden muss. Das gesamte Sortiment, alle Bücher, die seit 1990 herausgebracht wurden. Im Portfolio der großen Verlage kommen aber auch um die 40.000 Titel vor. Eine manuelle Überprüfung eines jeden fordert Zeit seitens der Redakteure (Lektoren), die ohnehin schon nicht ausreichen. Der Verleger Jewgenij Kapjew klagte: „Alle Redakteure sind beschäftigt. Mindestens ein Monat Arbeit ist allein für eine Überprüfung aufgewendet worden“. Das Ergebnis ist ein Rückgang der Veröffentlichungen im Januar und Februar. Manuskripte bleiben liegen, 300 neue Bücher sind nicht in Arbeit genommen worden, Begegnungen mit Autoren platzen. Die Verlegerin Tatjana Gorskaja fügte hinzu: „Nun gut, wenn es nur um Neuheiten gehen würde. Wir müssen aber alles überprüfen, was vorhanden ist, alle Nachauflagen. Mitunter fehlen jene Redakteure, die den Text kennen. Es hilft die KI (Künstliche Intelligenz), aber woher sollen wir denn die elektronische Version hernehmen, wenn das Buch ein altes ist?“.

Und dies sind nur die Verleger. Die Buchläden – und von ihnen sind im Jahr 2025 laut Angaben des Russischen Bücherverbands 286 geschlossen worden – sind auch gezwungen, Millionen Rubel auszugeben. Alexander Brytschkin, Direktor einer der größten Ketten von Buchläden, gestand ein: „Wir geben zig Millionen (Rubel) für eine Überprüfung dessen aus, was bereits in den Regalen steht“. Bibliotheken lehnen es ab, Bücher mit einer Markierung anzunehmen. Internet-Verkaufsplattformen verlangen, den Buchdeckel zu kaschieren, und die Ware wird zu einer unsichtbaren. Klassiker, beispielsweise mit Morden und Beschreibungen von Opium-Spelunken in der Art von „Sherlock Holmes“, würde es treffen, wenn sie jetzt erscheinen würden. Und dies ist kein Scherz. Dies ist ein reales Problem für diejenigen, die sich von den vagen Kriterien „einer Berechtigung durch das Genre“ leiten lassen müssen.

Für einige Marktteilnehmer sind die Gesetzesänderungen nicht aktuell. Zum Beispiel hat Maxim Amelin, Chefredakteur des Verlags „Wremja“, angemerkt: „Wenn wer zu mir kommt und sagt: Wir bestrafen Sie, werde ich nicht einmal verstehen, weshalb. Wir geben Klassik heraus, Poesie. So wie wir gearbeitet haben, so arbeiten wir auch weiter. Die großen Holdings aber hatten ganze Richtungen, mit denen sie Geld verdienten. Ja, die erleben jetzt einen Kollaps“.

Und in der Tat, schauen Sie sich die Zahlen an! Die Top-Verlage, die Giganten mit einem riesigen Back-Katalog, die haben im vergangenen Jahr über 10.000 Arbeiten herausgebracht. Für sie ist die Überprüfung nicht einfach eine bürokratische Belastung, sondern ein Anhalten des Fließbands. Und dieses Fließband, was angemerkt sei, arbeitet unter anderem für eine Absicherung eben jener „Triebkräfte für ein Wachstum“, die das Ministerium für digitale Entwicklung auch umreißt. Unter ihnen sind die Internet-Verkaufsplattformen, der digitale Konsum, Verfilmungen, die staatliche Unterstützung für Kinderliteratur…

Die Branche versucht sich zu modernisieren. Allein in den Jahren 2024-2025 sind in die Polygrafie drei Milliarden Rubel gesteckt worden. Einzug hielten neue Anlagen anstelle jener, die bereits im Jahr 2014 nicht mehr aus Europa geliefert worden sind. Eine weitere Milliarde (Rubel) ist für das Rebranding der Buchladen-Ketten ausgegeben worden. Doch der Personalmangel besteht nach wie vor: 61 Prozent der Job-Suchenden wissen nichts über die Bücherbranche und betrachten sie nicht für eine Berufstätigkeit. „Eine Blindzone“, wie man dies bei der eingangs erwähnten Konferenz bezeichnete.

Dabei ist der Anteil der Belletristik bei den Printausgaben bis auf 32,7 Prozent gewachsen, der angewandten – ist ein wenig zurückgegangen, der der Kinderliteratur hält sich bei etwa 29 Prozent. Doch all diese Zahlen sehen wie ein schlechter Witz unter Berücksichtigung dessen aus, dass die Redakteure jetzt gezwungen sind, Berge alter Bücher durchzuforsten und nicht an neuen zu arbeiten.

Das Paradoxe der Situation besteht darin, dass die Spezialisten aus dem Ministerium für digitale Entwicklung, die über eine Digitalisierung und die Internet-Verkaufspallformen nachdenken müssten, gezwungen sind, sich mit den Folgen der geisteswissenschaftlichen Regulierung auseinanderzusetzen, die Mitarbeiter aus dem Kulturministerium formulieren. Die Verleger befinden sich zwischen zwei Stühlen: Die eine Institution legt Modalitäten für ein Markieren fest, die andere ist für die Umsetzung verantwortlich. Doch im Endergebnis haben wir einen Kollaps, über den man hinter der Hand auf Fachkonferenzen spricht.

Vorerst auf all das Geschehen schauend, möchte man nur eines sagen: Bewahren Sie die Redakteure. Sie sind gegenwärtig über alle Ohren beschäftigt. Und geb ihnen Gott Kräfte, um bis zum 1. März dieses Jahres mit diesen 40.000 Titel fertig zu werden. Und wenn sie es nicht schaffen, nun ja, so bedeutet dies, dass die Verleger, Verkäufer/Buchhändler und Bibliothekare die Bücher aus den Regalen entfernen müssen, die sie nicht zu überprüfen geschafft haben. Oder sie verpassen ihnen durchweg, darunter auch für die Klassik für alle Fälle eine Markierung über die Schädlichkeit von Drogen.