Die Geschichte um die Konzerte des amerikanischen Rappers Kanye West (Ye) in Sankt Petersburg, die man mal ankündigte, ein anderes mal absagte und scheinbar doch durchzuführen erlaubt hat, ist aufgrund der in Gang gekommenen öffentlichen Diskussion bemerkenswert.
Es sei daran erinnert, dass, als die Vereinbarung mit dem Künstler bekanntgegeben wurde, diese Nachricht wie eine Bombe in den sozialen Netzwerken eingeschlagen hatte: Die Fans stürzten los, um Eintrittskarten zu erwerben, Gegner stürzten sich auf den Künstler und die Organisatoren mit Vorwürfen (siehe https://ngdeutschland.de/der-druck-auf-unliebsame-wahlkandidaten-in-russland-geht-weiter/). Vor diesem Hintergrund machte die „Gazprom Arena“, in der die Auftritte am 10. und 11. Oktober stattfinden sollten, einen Rückzieher. Nun es gebe noch keinerlei Absprachen. Es würden Verhandlungen laufen.
Das Konzert von Ye geht über den Rahmen des gewohnten Show-Business hinaus. Es muss dabei betont werden, nicht nur in Russland. Im Verlauf der gegenwärtigen internationalen Ye Live Concert Tour wurden in einer ganzen Reihe von Ländern die Auftritte gecancelt. West ist ein extrem skandalträchtiger Künstler, der nicht nur durch sein Schaffen, sondern auch durch seine radikalen Aussagen und Provokationen jenseits eines Verständnisses bekannt ist. Noch vor kurzem hatte er Hitler gepriesen, das Holocaust bestritten, sich als Nazi bezeichnet, das Hakenkreuz genutzt sowie antisemitische Erklärungen abgegeben. Danach bekundete er Reue, wobei er die früheren Aussagen mit den Folgen einer bipolaren Störung (einer manisch-depressiven Erkrankung) erklärte. Sie prägen aber nach wie vor seinen heutigen Ruf, weshalb Auftritte des 49jährigen Wests regelmäßig abgesagt werden. Und er selbst wird einem Ostracismus ausgesetzt.
Und in Russland konnte es auch nicht anders sein. Was für ein Konzert kann es von einem „Hitler-Fan“ in der Stadt geben, die die Blockade überstanden hat, können es die Gegner des Auftritts nicht fassen. Und wie passt das Gastspiel mit der Entnazifizierung, einem der offiziellen Ziele der militärischen Sonderoperation Russlands in der Ukraine, zusammen? „Während unsere Kämpfer an der Front heldenhaft gegen das Vorrücken der „braunen Pest“ kämpfen, haben hier, im Hinterland einige gewissenlose Personen beschlossen, ein Konzert eines Künstlers zu veranstalten, der in der ganzen Welt mit dem Wort „Hitler“ assoziiert wird“, erklärte die Leiterin der Liga für ein sicheres Internet, Jekaterina Misulina.
Der Aktivist Vitalij Borodin, der durch zahlreiche Beschwerden und Denunziationen in Bezug auf Kulturschaffende unrühmlich bekannt geworden ist, er hält die Anschauungen oder die Lebensweise des amerikanischen Rappers für eine Bedrohung für die „russischen traditionellen Werte. Und er sandte aufgrund der geplanten Auftritt von Ye Appelle an „zuständige Behörden“. Als bekannt wurde, dass die Auftritte nicht stattfinden könnten, bezeichnete er dies als einen Sieg der ganzen Gesellschaft, die es nicht dulde, dass man ihr ins Gesicht spuckt. Und die 42jährige Misulina schrieb in sozialen Netzwerken: „Ich diene Russland“. Anders gesagt: Das Nichtstattfinden des Gastspiels haben beide als einen Beitrag für eine Sache staatlicher Wichtigkeit aufgefasst (obgleich nach wie vor keine endgültige Absage des Russland-Auftritts von Kanye West erfolgte – Anmerkung der Redaktion).
Die Argumente dagegen sind klar. Es gibt aber auch Argumente dafür. Ye, wie immer man auch persönlich zu ihm stehen mag, ist ein herausragender Musiker der Gegenwart. 24 Grammys sind ein Rekord für Hip-Hop-Künstler. Dies ist ohne wenn und aber ein hundertprozentiger Weltstar. Da können die Tate-Brüder (Andrew und Tristan Tate werden unter anderem Vergewaltigung, Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung sowie Delikte im Zusammenhang mit kinderpornografischen Inhalten vorgeworfen – Anmerkung der Redaktion) oder Errol Musk nicht mithalten, die man in Russland mit Brot und Salz herzlich begrüßte, womit ein heftiges Gefühl von Peinlichkeit ausgelöst wurde. Das Kommen einer Figur solchen Niveaus nach Russland ist ein unbedingtes Ereignis. Und dies im Übrigen in gewissem Sinn ein politisches. Dies ist ein Symbol für die kulturelle Offenheit des Landes.
In seinem exzentrischen Charakter ist er tatsächlich zu weit gegangen. Aber keiner hält ihn natürlich ernsthaft für einen Nazi. Überdies ist er sozusagen ein Dummkopf mit ärztlichem Attest. Das Wichtigste ist, dass er in Russland nichts Irrsinniges anstellt, obgleich solch ein Risiko eingestandenermaßen besteht. Folglich gibt es von beiden Seiten Argumente. Und es kann hier kein eindeutiges Verdikt geben. Die Situation ist so uneindeutig, wie auch der eigentliche Held dieser Geschichte ein uneindeutiger ist.
Dabei gibt es da noch eine interessante Nuance, der man Aufmerksamkeit schenken sollte. „Irgendeine neue Sekte ist da aufgetauchte. Eine von Kämpfern gegen das Kanye-Konzert“, betonte der Staatsduma-Abgeordnete von der Kremlpartei „Einiges Russland“ und Moderator im russischen Staatsfernsehen Jewgenij Popow (fast 48 Jahre alt). Hier muss man zwei Sachen auseinander halten: Die These an sich von der Unzulässigkeit nazistischer Symbole und Rhetorik hat verständlicherweise keiner angefochten. Man kann lediglich darüber streiten, inwieweit konkret Kanye West real dieses Böse verkörpert und nicht einfach in Skandal-Chroniken auftaucht. Und eben gegenüber den selbsternannten Zensoren, die sich anschickten, darüber im Namen der ganzen Gesellschaft zu urteilen, wobei sie ihr Gewicht in den Medien forcieren, ergibt sich eine kühle Haltung.